Theater der Zeit

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Auftritt

Schlosstheater Moers: Einsamkeit ist keine Metapher

„Wo sind denn alle?“ von Leo Meier und Emil Borgeest (UA) – Regie Emil Borgeest und Leo Meier, Bühne und Kostüm Emil Borgeest und Lex Hymer

von Stefan Keim

Assoziationen: Theaterkritiken Nordrhein-Westfalen Dossier: Uraufführungen Emil Borgeest Leo Meier Schlosstheater Moers

Mit leisen Pointen und skurrilen Momenten gegen die Vereinzelung: „Wo sind denn alle?“ am Schlosstheater Moers von Leo Meier und Emil Borgeest.
Mit leisen Pointen und skurrilen Momenten gegen die Vereinzelung: „Wo sind denn alle?“ am Schlosstheater Moers von Leo Meier und Emil Borgeest.Foto: Jakob Studnar

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Die Augen finden keinen Fokus, zucken hin und her. Die Arme des Schauspielers Linus Ebner liegen steif an der Hosennaht. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Mann, der wie alle Figuren im Stück „Wo sind denn alle?“ von Leo Meier und Emil Borgeest keinen Namen hat. Er erzählt von einem Fleck, einem Fleck an der Wand, einem Wasserfleck, der aber auch imaginär sein könnte, also nehmen wir mal an, so ein Fleck, der ist schon ziemlich groß, also so groß wie... Die Sätze brechen vor ihrem Ende ab. 

Einsamkeit ist das Thema des Stücks. Die Bühne zeigt einen Flur, von dem drei Türen abgehen, ein Mietshaus mit mehreren Wohnungen. Ein Herr (Matthias Heße) kommt schnell herausgeschossen, wenn er draußen etwas hört. Die Erzählung vom Fleck an der Wand nimmt er gleich auf, denkt sie weiter, fantasiert von Schimmel und Krankheiten und einem Aufweichen der gesamten Gebäudestruktur, vom Abriss eines ganzen Wohnblocks. Er ist von der Frage besessen, ob wohl jemand kommt, wenn er um Hilfe ruft. Der Mann geht um die eine Ecke, dann um die andere, stößt Schreie aus. Das ist feinsinnig gespielt und durchaus witzig. Aber natürlich steckt mehr dahinter.

Leo Meier und Emil Borgeest beschäftigen sich mit einem zentralen Problem unserer Gesellschaft. Dem Fehlen von Begegnungen, der wachsenden Vereinzelung, der Soziophobie, die daraus entstehen kann. Die Menschen in diesem Mietshaus treffen sich im Flur. Es scheint sie eine Sehnsucht anzutreiben, mit jemandem sprechen zu wollen. Aber sie haben es verlernt, sich zu unterhalten. Oder sie konnten es nie. Manchmal fliegen zusammenhanglose Sätze aneinander vorbei. Aber sie versuchen weiter, aufeinander einzugehen. Und schließlich kommt es zum Streit. Eine Bewohnerin (Catherine Elsen) und der Mann mit dem eventuellen Fleck an der Wand gehen schließlich sogar in den körperlichen Clinch. Sie wird wütend, weil er mehrmals danach fragt, ob sie Metaphern benutze. Aber sie meint, was sie sagt, will Worte finden, um endlich über ihre Gefühle zu sprechen. Und sie will die Chance nicht vorüberziehen lassen, eigentlich kämpft sie nicht gegen ihn, sondern um diese Gelegenheit. Einsamkeit ist keine Metapher.

Es gibt viele leise Pointen und skurrile Momente in diesem Stück. Leo Meier ist – nicht nur in seinem auf vielen Bühnen gespielten Hit „Zwei Herren von Real Madrid“ – ein Autor, der Tiefgang mit Unterhaltung, Probleme mit Witz verbindet. Manchmal erinnert sein neues Stück an Werke des absurden Theaters. Dokumentarisch geerdet wird es durch den überraschenden Auftritt eines Mannes in Ritterrüstung aus dem Rücken des Publikums. Es ist Leo Meiers Vater Olaf, der 30 Jahre bei der Telefonseelsorge Duisburg/Mülheim/Oberhausen gearbeitet hat. Der Autor ist nebenan von Moers – in Duisburg – aufgewachsen. Vater Olaf Meier hat ein paar grundlegende Thesen zur Einsamkeit aufgeschrieben, die er dem Publikum vorliest. Dann schaut er sich lange Zeit das Stück seines Sohnes an, sagt dann Tschüss, geht ab und überlässt die Bühne einer neuen Figur (Clara Pinheiro Walla), die auch von einem Wasserfleck an der Wand in ihrer Wohnung erzählt. Sie führt die Aufführung zu einem hoffnungsvollen Ende, denn alle kapieren nun endlich, dass sie agieren müssen. Und vielleicht finden sie über das gemeinsame Tun auch zu einer Sprache.

„Wo sind denn alle?“ ist ein sympathisches, 80 Minuten kurzes Stück, das viel anreißt und dem ausgezeichneten Ensemble des Schlosstheaters Moers große Spielräume gibt. Der Abend bleibt allerdings immer auf einer leicht konsumierbaren Ebene und leuchtet höchstens kurz in die Ecken, in denen es richtig wehtun könnte. Aber vielleicht muss es auch nicht immer das große Drama sein, vielleicht regt so ein netter komödiantischer Theateressay sogar mehr zum Nachdenken und Nachfühlen an.

Erschienen am 27.2.2026

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