Die Hölle ist überall. Deutsches Nationaltheater Weimar: »A Brief History of Hell«
Aus TdZ 3/1997
von Volkmar Draeger
Erschienen in: Die andere Seite – Tanz in der DDR von 1975 bis 1997 (04/2026)
Als der Eiserne Vorhang sich hebt, gibt er ein faszinierendes Bild frei. Auf einem Katafalk mit mattrotem Überwurf liegt dicht an der Rampe ein Toter. An der Spitze übermannshoher Metallstäbe brennen, rußen vor einer grauglänzenden Segmentwand Fackeln. Sanfte Klaviermusik umsäuselt die Sinne. In feierlicher Prozession erscheint die Trauergemeinde, beäugt den Leichnam mit pietätloser Neugier und sezierendem Blick. Was folgt, könnte Fellinis »Satyricon« nachempfunden sein. Wie Geier reißen die Trauernden Fleischstücke aus dem Liegenden, schlagen, einander verdrängend, ihre Zähne in den kalten Körper. Menschenfresser mit ritueller Motivation: Die Kräfte des Opfers suchen sie sich einzuverleiben. Ein rabiates Stilleben.
Von den sieben Bildern, in die Ismael Ivo seine erste Uraufführung am Nationaltheater gliedert, ist dies das stärkste. »A Brief History of Hell«, eine Stunde lang ohne Pause, spürt in Ivos Geburtsland Brasilien und in seiner Wahlheimat Europa Grenzsituationen und Verfallserscheinungen auf. Die Hölle, dies das Fazit, ist überall auf Erden.
Als der malträtierte Leichnam abgetragen wird, kauert unter dem Tisch neben einer Schreibmaschine Ivo selbst. Noch ganz unter dem Eindruck des Leichenschmauses an seinem Pappmaché-Double ruckt und zuckt es in seinem Körper. Schriftsteller ist er, Chronist dieser Welt, mit heimatlichen Erinnerungen an barbusig Samba tanzende Kaffeegirls, weiße »Wissenschaftler«, die ihn, den Farbigen,...
.jpeg&w=3840&q=75)















