Auftritt
Theater Marie: Zwischen Verantwortung, Schein und Sein
„Zinnober!“ von Martina Clavadetscher nach E.T.A. Hoffmann (UA) – Regie Jan Stephan Schmieding, Bühne, Licht Michel Schaltenbrand, Kostüme Gwendolyn Jenkins, Figurenbau, Coaching Figurenspiel Priska Praxmarer, Sounddesign Daniel Steiner
von Elisabeth Feller
Assoziationen: Schweiz Theaterkritiken Dossier: Uraufführungen Jan Stephan Schmieding Theater Marie

Diese Gefühle von Entsetzen, Ohnmacht und Zorn. Dazu ein brennender Schmerz. Da hat jemand meine Idee als die seine ausgegeben und dafür Applaus geerntet. Dabei stünde mir dieser zu. E.T.A. Hoffmann hat diese Emotionen in seinem Kunstmärchen „Klein Zaches genannt Zinnober“ beschrieben. In diesem vollzieht der hässliche Wicht Zinnober dank einer Fee einen Rollentausch: Von nun an wird er nicht mehr ausgelacht, sondern bewundert. Allerdings nutzt Zinnober diese Rolle, um seine Opfer durch immer respektloseres Benehmen zu diffamieren.
Darum geht es auch der Schweizer Autorin Martina Clavadetscher in ihrer Überschreibung, bis hin zu geradezu quälenden Szenen: So kniet sich bei Clavadetscher der Romantiker hin, um ein Gedicht zu rezitieren. Doch er wird dabei von Zinnober gestört, der ihm auf die Pelle rückt. Irritiert beginnt der Romantiker mit: „Keine Zeilen sind erlaubt, aber so aus Blüten …“, worauf Zinnober quäkend den Satz mit „... Blättern“ vervollständigt. Verunsichert fährt der Romantiker fort: „In Schwindelwolken so schwindet mein“ – „Verstand“, krächzt Zinnober. Als sich der Romantiker schließlich vor dem Publikum verbeugt, drängt sich Zinnober vor und heimst den Applaus ein. Was für eine Frechheit! Was für ein Blender! Bloß: Weshalb gehen ihm alle auf den Leim? Weshalb wird er an die Spitze der Regierung gespült? Weshalb bekommt er selbst dann noch Zuspruch, als er zum Autokraten geworden ist? Welcher Zauber hat ihn zu dem gemacht, was er ist?
Bei Hoffmann ist es die Fee, bei Clavadetscher sind es die Menschen. So die bittere Erkenntnis am Ende eines Stücks, das entlang von Hoffmanns Text viele neue Akzente setzt, die man mühelos in der Gegenwart verorten kann. Selbst wenn man für kurze Zeit den Mann mit dem blond gefärbten Haar jenseits des großen Teichs vergessen will, ist er gedanklich präsent. Man muss sich jedoch nicht nur an dieser einen Figur festhaken: Zwischen Wahrheit und Fiktion, Wissenschaft und Magie zeigt Martina Clavadetscher in ihrer Adaption, wie leicht sich eine Gesellschaft täuschen lässt und dass es fast unmöglich erscheint, den Irrweg zu stoppen. Fast. Am Ende trägt die von Zinnober so geliebte Candida den Wicht hinaus. Und wie er da so in ihren Armen liegt, seiner Hände durch das aufgebrachte Volk beraubt, ist er nur noch ein Bündel Elend. Nichts erinnert an den einstigen unechten Glanz. Aus, vorbei? Vielleicht, aber ein imaginärer kalter Schauer der Melancholie lässt anderes vermuten.
Wie bringt man Clavadetschers märchenhafte und skurrile, mit feinen Modernisierungen versetzte Adaption auf die Bühne? Regisseur Jan Stephan Schmieding und Bühnenbildner und Lichtdesigner Michel Schaltenbrand entwickeln „Zinnober!“ aus einem anfänglich kindlich anmutenden Spiel. Vor einem Tuch mit angedeuteter Waldlandschaft befinden sich blaue Fässer (Achtung: Giftmüll) sowie ein nostalgisches Münzreitpferd. Hier versammeln sich Johanna Dähler (Candida, Minister, Stargeiger), Pascal Goffin (Romantiker, Pfarrerlehrer), Milva Stark (Mutter, Fabian, Professor Terpin) und Priska Praxmarer (Erzählerin): alle etwas gelangweilt. „Ich will, dass etwas passiert“, sagt die Erzählerin, worauf die Idee eines Labors Gestalt annimmt. Teil der dortigen Versuche ist Zinnober. Dieser ist aber kein Schauspieler, sondern eine Puppe. Ein wunderbarer Kunstkniff, zu dem einem Neville Tranter einfällt: „Gute Puppen sind derart pur, dass es authentischer nicht geht. Das kann ein Mensch nicht schaffen.“ Man kann es auch so sehen: Wenn ein Schauspieler auf der Bühne stirbt, geht er nach der Vorstellung etwas essen. Die Puppe stirbt wirklich vor unseren Augen. Genau das erleben wir in dieser aktuellen Produktion. Die von Priska Praxmarer grandios gestaltete Puppe im grau-beigen Elendskleid aus Gaze, ist von verstörender Wahrhaftigkeit. Aus ihrem riesigen Mund entweichen grässliche Geräusche; sie ist zuerst unfähig zu sprechen – und wird später zu einem abstoßenden Monster. Das Verrückte ist: Man glaubt ihr alles. Obwohl man doch sieht, dass Schauspielerinnen und Schauspieler im fliegenden Wechsel die Hand in die Puppe stecken, um diese zu bewegen. Dabei befinden sich die Akteure dauernd im Dialog mit der Puppe, der sie dann aber ihre verfremdete Stimme verleihen. Ein schwieriges Unterfangen, das höchste Präzision erfordert. Doch das glückt in einer märchenhaft-bunten Inszenierung, die Verantwortung, Schein und Sein thematisiert und gerade in ihrem spielerischen Zugriff eine tiefe Ernsthaftigkeit offenbart.
Erschienen am 24.2.2026




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