Kein Lebensraumeuro-scene leipzig: Irina Pauls’ »Südraum«
Aus MA, 29.11.1994
von Volkmar Draeger
Erschienen in: Die andere Seite – Tanz in der DDR von 1975 bis 1997 (04/2026)
Keine leichte, schon gar keine leichtverdauliche Kost, mit der Irina Pauls die Festivalgäste der euro-scene leipzig speiste. »Südraum« greift lokale Probleme auf, versucht sie ins Allgemeine zu heben. Seit Jahrzehnten wird in der südlichen Umgebung der Messestadt nach Braunkohle gebaggert. Dorf um Dorf mußte dem Förderprogramm weichen, Landschaft und Landwirtschaft verödeten, intakte Lebensräume wurden zerstört, deren Bewohner in entlegene Dörfer zwangsumgesiedelt. Noch ist die Gefahr intensivierten Braunkohleabbaus nicht gebannt, da greift eine neue Tendenz um sich: protziges Aufstylen der Restdörfer mit den unbegrenzten Konsummöglichkeiten der Nachwende statt behutsamer Rekonstruktion.
Individuen im Zwiespalt zwischen jüngster Vergangenheit und Gegenwart. Gespielt wird hinter dem Eisernen Vorhang, wo auch die Zuschauer sitzen. Hauptaktionsfläche ist ein seichtes Bassin, szenische Metapher für den sich verändernden Lebensraum der Dörfler, Gleichnis auch auf den für Ostdeutsche noch ungewohnten »Aggregatzustand« von Großwessiland. In elf Szenen entwirft die Choreographin ein düsteres Bild von der Entschlossenheit und zugleich Unmöglichkeit der Bewohner zu bleiben. Bedrohlich schiebt sich ihrer Welt zwischen Melkeimer und Backbrett näher und näher ein riesiges Gefährt, halb Förderband, halb Kanone. Mit dem zerbrochenen Dreschflegel schlagen die Verzweifelten rhythmisch auf den doppelsinnig gemeinten Eisernen Vorhang ein. Als er sich hebt, tut sich vor den Erstarrten die empfindlich kühle Leere des...
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