Auftritt
Schauspielhaus Zürich: Die Leerstelle im Monster
„MONSTER“ von Recke/Lehmann/Froelicher (UA) – Regie & Bühne Anta Helena Recke, Maxi Menja Lehmann & Anna Froelicher, Kostüme Pola Kardum
von Jonas Rippstein
Assoziationen: Theaterkritiken Schweiz Dossier: Uraufführungen Anta Helena Recke Schauspielhaus Zürich

Mit einem Schlag ist es da. Ein metallisches Geräusch und basslastige laute Musik, die gleich ins Fleisch fährt, in einem Raum, der sich nicht öffnet, sondern aufgerissen wird: Kinder brechen durch eine schwarze Wand, nicht metaphorisch. Der Anfang nimmt gleich eine Setzung vor: Hier wird etwas freigelegt, das viel zu lange unter einer Oberfläche verborgen lag.
Zunächst trägt dieser Zugriff. „Monster“ baut eine Welt, die nicht zwischen Traum und Realität unterscheidet, sondern beide als durchlässig behauptet. Weiße Wände verschieben sich zu einer Küche, danach spielen die Kinder in Neunzigerjahre-Outfits zwischen Kleiderhaufen, während plötzlich übergroße Figuren über die Bühne laufen. Ihnen gegenüber stehen nach und nach drei Mütter, gespielt von Lena Urzendowsky, Mirjam Rast und Karin Pfammatter. Sie überführen zwischen Überforderung und gesellschaftlichen Vorurteilen gegen Mütter nicht-weißer Kinder den familiären Alltag anfangs in bildstarken Szenen, die immer wieder ins Albträumerische kippen. Etwa wenn Urzendowsky mit einem Staubsauger kämpft und uneindeutig bleibt, ob man einem brutalen Kampf oder einer zärtlichen Verschmelzung beiwohnt.
Was bei Sigmund Freud als „ozeanisches Gefühl“ beschrieben wird, erscheint hier als ästhetische Praxis: als Zustand, in dem das Ich noch keine feste Grenze kennt. Die Kinder tragen diesen Zustand mit. Sie sind nicht Figuren, sondern vielmehr Bewegungen in einem Raum, der sie formt und von ihnen mitgeformt wird. Ihre Spiele – wie „Wer bin ich?“ – sind keine Rollenübungen, sondern eine tastende Suche. Sie sind Beyoncé. Madonna. Rihanna. Für einen Moment scheint alles offen, alles möglich: Identität als etwas Spielerisches, in Bewegung, nicht als etwas Festgeschriebenes. Doch dieser Moment hält nicht.
Denn was als vielschichtige Bildmaschine beginnt, kippt nach und nach in eine seltsame Eindeutigkeit. Die Bilder illustrieren, wo sie zuvor irritierten. Etwa wenn Mirjam Rast sich, halb „Monster“, halb Fürsorgefigur, mit Tigerpranken an das Bett ihrer Tochter schleicht und sie erschreckt – ein Moment, der das Unheimliche behauptet, aber es nicht entstehen lässt. Man versteht sofort, was gemeint ist – und genau darin liegt das Problem. Das Monster bekommt Kontur und verliert gerade dadurch seine Bedrohlichkeit.
Die Texte, gespeist durch Gespräche mit Schwarzen Menschen und ihren weißen Müttern, tragen zunächst eine Vielstimmigkeit in sich. Auf der Bühne jedoch verengen sie sich zunehmend zu Monologen. Die Mütter sprechen von Überforderung, von gut gemeinter Offenheit, von Haarpflege und bösen Blicken im öffentlichen Raum – und kreisen dabei vor allem um sich selbst. Schnell entsteht ein erkennbares Bild: Das der „White Mom“, bemüht und weltoffen, und doch gefangen in einer Naivität, die sie nicht abschütteln kann. Das bleibt zu einfach.
Denn während diese Mütter den Raum füllen, bleibt eine andere Figur auffällig abwesend: der Vater. Die Männer, deren Rolle in dieser Konstellation nicht nur familiär, sondern auch historisch zentral ist, tauchen höchstens als Leerstelle auf. Keine Stimme, kein Körper. Als ließe sich die Geschichte von Rassifizierung und familiärer Intimität ohne sie erzählen. Dass dieser Fokus bewusst gewählt ist, liegt nahe. Dass ein Theaterabend ohne Männer auskommt, auch. Aber in diesem Diskurs genügt die Leerstelle nicht mehr.
Die Abwesenheit der Väter wiegt schwerer, je länger der Abend dauert. Die Verantwortung für den Umgang mit dem rassistischen System lastet allein auf den Schultern der Mütter. Man sieht den Schauspielerinnen dabei zu, wie sie in dieser albträumerischen Atmosphäre versuchen, alles richtig zu machen, und dabei immer wieder zu scheitern drohen. Das große gesellschaftliche Panorama, das zu Beginn noch aufschien mit dem physischen Aufbrechen einer schwarzen Wand, schrumpft so auf das Format eines familiären Burnouts zusammen.
Der Abend zieht sich gen Ende ins Private zurück. In den Monologen der Mütter wird die rassistische Struktur zwar greifbar, die sie umgibt, gleichzeitig wird sie auf eine individuelle Überforderung heruntergebrochen. Wenn ein Kind fragt: „Mama, warum schauen die mich so an?“, markiert das keinen neuen Konflikt, sondern das schmerzhafte Verharren in einer Situation, die sich nicht im Zweiergespräch klären lässt. Was davon bleibt: eine Frage, die in diesem Theaterabend keine Antwort erfährt.
Erschienen am 14.4.2026




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