Szenen einer gewalttätigen EheBrandenburg: »Russische Séance«
Aus TdZ 7/1997
von Volkmar Draeger
Erschienen in: Die andere Seite – Tanz in der DDR von 1975 bis 1997 (04/2026)
Darf man den Gerüchten glauben, wird Brandenburgs Ballett verkleinert und nur noch durch Kooperation mit dem gleichfalls dezimierten Cottbuser Ensemble spielfähig. Brandenburg entwickelt sich zum tanzunfreundlichsten Bundesland. Vorerst erlebte in der Havelstadt ein veritables Tanztheaterstück seine Uraufführung, das ein weiteres Mal die Leistungsfähigkeit von Kompanie und Leitung bewies.
1921 begegneten sich beim Gastspiel in Moskau Isadora Duncan, die skandalumwitterte Tanzpriesterin der Moderne, und Sergej Jessenin, der ungebärdige, 18 Jahre jüngere Bauernpoet. Und entbrannten für zwei Jahre in einer lodernden amour fou. Episoden des gemeinsamen Weges beleuchtet in fünf Bildern »Russische Séance« von Sigrun Kressmann. Die Lyrik Jessenins, vom Tanzdarsteller rezitiert, durchzieht den Abend im Zeichen des Dichters. Vom Solo-Trinker zum Duncan-Lover führt ihn das Schicksal. In Haßliebe fühlt er sich der alternden Tänzerin verbunden. Revolution und Konstruktivismus voll russischer Vitalität in der deutschen Hauptstadt verleiht Kressmann glaubhafte Form. Höhepunkt ist ein langes, mit riskanten Ansprüngen und Umgriffen gespicktes Liebesduett, das emotional ein kompliziertes Verhältnis zwischen Hingabe und Verweigerung, Überdruß und Anziehung, Liebe, Lust und Gewalt skizziert. Russisch-folkloristisch koloriert gibt sich mehrfach die moderne, erfindungsreiche Tanzsprache, der sich das Ensemble in dieser ästhetisch ausgewogenen Produktion bestens gewachsen zeigt.
Seit Kressmann 1991 als Absolventin der Leipziger Choreographenausbildung ans Brandenburger...
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