Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Rechte Gewalt – Esra Küçük und Milo Rau im Gespräch (04/2020)
Die Coronavirus-Pandemie hat das öffentliche Leben in zahlreichen Ländern weltweit zum Stillstand gebracht. Shutdown. Geschlossen sind auch die Theater. Ebenso die Grenzen. Nicht nur für Flüchtlinge. „Dies ist also eine Art Brief an mich selbst. In dem auch steht, dass diese Pandemie auch eine weitere Einübung in geschlossene Räume ist, deren Anzahl seit Jahren stetig zunimmt. Die Festung Europa, die Bubbles im Netz, die eingefrorenen Blicke, das Lagerdenken, der aufgedrängte Kulturkampf, die große Abschottung, von der wir fantasieren in unserem digitalen Mittelalter“, schreibt Kathrin Röggla in ihrer Kolumne. Und ergänzt: „Ob es allerdings ein Virus ist oder der ‚zynische Humanismus‘ (Milo Rau), der uns affiziert und immer engere Ringe um unseren Horizont legt, ob es eine vordergründige oder hintergründige Grippe ist, oder der Rassismus, der in Krisen reflexartig aufbrandet, an dieser Entscheidung sind wir zumindest beteiligt …“
Angesicht einer Welle rechter Gewalttaten in den letzten Monaten sieht sich Deutschland jedenfalls vor eine Entscheidung im Umgang mit rechtsextremistischen Strukturen und Tätern gestellt. Nach den Morden von Hanau, Halle und Kassel scheint rechte Gewaltpolitik eine neue Eskalationsstufe erreicht zu haben. Unser Themenschwerpunkt Rechte Gewalt geht in die Bestandsaufnahme. Der Historiker Massimo Perinelli analysiert für uns die Konjunkturen von Rassismus und rechter Gewalt in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg bis heute. Vor diesem Hintergrund haben wir mit der Sozialwissenschaftlerin Esra Küçük und dem Regisseur Milo Rau über die Mittel der Demokratie und der Kunst angesichts der aktuellen Entwicklungen gesprochen. Sowohl Rau als auch Küçük befürchten eine Normalisierung im Umgang mit rechter Politik – auf parlamentarischer Ebene, wie auch bei der Herstellung eines gesamtgesellschaftlichen Konsenses. Dieser Konsens scheint nur noch schwierig herstellbar zu sein – „zwischen den Generationen, zwischen Linken und Rechten, im Binnenverhältnis der Linken oder innerhalb der Generationen: Lagerbildungen, wohin man auch blickt“, hebt Oliver Bukowski in einem Gespräch mit Gunnar Decker hervor. In seinem aktuellen Stück „Der Sohn“, das wir im Heft abdrucken, geht Bukowski diesen Spaltungen im Mikrokosmos einer Familie in der Lausitz exemplarisch nach.
Fragen von Identitätspolitik, Rassismus und Sexismus führen zurzeit auch zu Spaltungen in den Debatten um künstlerische Ausdrucksweisen, politische Haltungen sowie Teilhabe bisher ignorierter Minderheiten auf und hinter deutschen Bühnen. Mit unserer neuen Reihe „Theater und Moral“ wollen wir den dabei virulenten Konflikten nachgehen. Den Auftakt macht Jakob Hayner mit seinem Essay „Unter dem Shitstorm der Strand“.
Die Coronakrise verdrängt derzeit nicht nur die notwendige Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus aus dem öffentlichen Bewusstsein, sondern zum Beispiel auch die Diskussion um den fragwürdigen und kostenintensiven Neubau von Theaterhäusern. Der Architekt Philipp Oswalt hat eine Petition gegen den Abriss der Städtischen Bühnen Frankfurt initiiert und hält in einem Kommentar fest, dass die damit verbundenen Immobilienspekulationen auch den exorbitanten Ausstattungsanforderungen an heutige Kultureinrichtungen geschuldet sind. In Rostock plant man ebenfalls einen neuen Theaterbau. Die dafür veranschlagten Kosten haben sich mittlerweile von vierzig auf einhundertzehn Millionen Euro fast verdreifacht. Ralph Reichel, der neue Intendant des Volkstheaters Rostock, versucht unterdessen im alten Theaterbau, in dem, wie Gunnar Decker beschreibt, schon die Fensterrahmen bröckeln, aus einem nach den lokalpolitischen Querelen der letzten Jahre angeschlagenen Theater wieder ein attraktives kulturelles Zentrum zu machen. Während Reichel gerade anfängt, geht am Theater Konstanz die Ära Christoph Nix zu Ende. Durchaus kämpferisch, wie Bodo Blitz schreibt und noch einmal auf Nix’ gesellschaftskritische Spielplangestaltung wie auch seinen Afrika-Schwerpunkt mit kontinuierlichen Kooperationen auf Augenhöhe verweist. In Afrika war auch die Costa Compagnie unterwegs, im Rahmen einer weltweiten Recherchereise für ihr zweijähriges Projekt „Fight (for) Independence“, in dem sie Unabhängigkeitsbewegungen untersuchte. Felix Meyer-Christian hat für uns einen Reisebericht von der letzten Recherche in Mosambik geschrieben.
Ein für eurozentristische Perspektiven gänzlich abseitiger geografischer Bezugspunkt, und vielleicht sogar von Corona-Infektionen frei, ist jedenfalls der Gora Parasit, ein Berg auf einer Vulkaninsel zwischen Russland und Japan. Er ist der Namenspatron der litauischen Künstlerin Dr. GoraParasit, die Erik Zielke eingangs in unserem Künstlerinsert als eine Grenzgängerin zwischen Theater und Installation, Oper und Film porträtiert.
Im Maiheft werden wir uns dann in einem großen Schwerpunkt den Folgen des Coronavirus für den Kulturbetrieb widmen. //
Die Redaktion
















