Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Vorwärts immer, rückwärts nimmer – Schwerpunkt Klassismus (02/2021)

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Als wir vergangenes Jahr das Novemberheft zuklappten, waren wir uns sicher, ihn endgültig los zu sein: Ja; über Donald Trump, der während seiner Amtszeit auch auf den Theaterbühnen überdurchschnittlich präsent gewesen war – als Karikatur vom Dienst mit gelber Perücke –, würden wir definitiv zum letzten Mal berichtet haben. Er war abgewählt!

Dann kam der Januar – und mit ihm der bis dato undenkbare Sturm auf das Kapitol. „Das alles ist symbolisch aufgeladene, gefährliche Realität. Und vor den Fernsehern erleben wir es wie ein Stück Theater“, schreibt Alexander Kluge in diesem Heft über das gewaltsame Eindringen der Trump-­Anhänger in das Parlamentsgebäude in Washington D. C. – und analysiert dessen dramatische ­Dimension in einem Bildessay sowie einem Brief an die Redaktion.

Die Vereinigten Staaten – auch dieses Phänomen zeigte sich exemplarisch in Trumps Amtszeit – sind die Gesellschaft der großen Polarisierungen. In keinem anderen Industrieland ist das Geld so ungleich verteilt; Verschärfungstendenz steigend. Jetzt, während der Pandemie, wächst die Kluft ­zwischen Arm und Reich allerdings auch anderswo rasant. Die spezifische Stigmatisierung, die ­Menschen am unteren Ende der Einkommensskala erfahren, hat einen Namen: Klassismus. Während andere Formen der Diskriminierung wie Rassismus und Sexismus im öffentlichen Diskurs inzwischen reflektiert werden, ist von dieser Form der sozialen Benachteiligung bisher allerdings ­vergleichsweise selten die Rede. Das gilt auch – und vielleicht sogar in gesteigerter Form – für die Theater, mit denen viele Menschen nach wie vor die Hochkulturtempel par excellence assoziieren. Selbst in der freien Szene, die ihrem Selbstverständnis nach besonders stark für Inklusion und Diversität eintritt, stehe die Auseinandersetzung mit dem Thema noch „ganz am Anfang“, erklärt die Klassismusforscher*in Francis Seeck im Gespräch mit der Kuratorin Pirkko Husemann in unserem Schwerpunkt zum Thema Klassismus und ergänzt: „Erwerbslose werden im freien Theater gar nicht so anders dargestellt als in RTL-2-Dokus wie ,Hartz und herzlich‘.“ Der französische Schriftsteller und Soziologe Édouard Louis, der selbst aus dem Arbeitermilieu stammt, glaubt zwar nicht daran, „dass sich das Denken der Bourgeoisie über Nacht ändert, nur weil man ihr ein Stück über das Leiden der Arbeiterklasse vorführt“. Aber zumindest zwinge man sie „preiszugeben, wie sie wirklich über die Arbeiterklasse denkt“. Und genau darin liege für ihn die Kraft der Kunst, sagt Louis im Gespräch mit dem Regisseur und Intendanten der Berliner Schaubühne Thomas Ostermeier. Im Moment allerdings steht die „Distinktionsmaschine Theater“ bekanntermaßen pandemiebedingt still. Vielleicht sei das „eine Chance, die Routine der feinen Unterschiede zu hinterfragen“, hofft die Autorin und Drama­tikerin Daniela Dröscher in ihrem Essay über das „Theater der 99 %“.

Christoph Leibold hat diesen dramatischen Stillstand – am Beispiel der bayerischen Theater­region – einmal ganz konkret unter die Lupe genommen und eine paradoxe Situation vorgefunden. Die Zuschauersäle sind leer, denn Aufführungen dürfen nirgends stattfinden – aber geprobt wird fleißig weiter: Wenn die Vorhänge irgendwann endlich wieder hochgehen, dürfte eine regelrechte Premierenschwemme folgen, prognostiziert er.

In China sieht das anders aus. Dort sind die Theater geöffnet – jedenfalls für alle, die sich am Eingang die Temperatur messen lassen und Masken tragen. Drinnen werden in Propagandastücken die Heroen der Pandemie gefeiert – zumindest auf den staatlichen Bühnen. Die freien Theater, schreibt Chen Tian in ihrer Reportage, üben sich hingegen in leiser Subversion.

Hierzulande schwingt sich unterdessen die Hybridkunst des Theater-Films zu neuen ästhe­tischen Höhen auf – was dem Theater durchaus guttut, wie Fritz Göttler anhand von Milo Raus ­utopischer Dokumentation „Das neue Evangelium“ beobachtet. Auch unser Kolumnist Ralph ­Hammerthaler beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen Zelluloid- und Live-Kunst. Der Videokünstler Sébastien Dupouey, dessen Arbeiten fürs Theater wir im Künstlerinsert vorstellen, fand den hiesigen Bühnenbetrieb stilistisch übrigens schon immer erfreulich „crossoverbereit“.

Dennoch bleibt natürlich zu hoffen, dass die Theater bald wieder öffnen können. Schon allein deshalb, damit nicht in größerem Stil ein surreales Albtraumszenario droht wie in Michel Decars Stück „Nachts im Ozean“, das wir in dieser Ausgabe drucken. Dort reist der Autor Moskowitz zu seiner eigenen Uraufführung nach Montevideo – und findet trotz minutiöser Google-Maps-Koordinaten partout das Theater nicht. Nein, tatsächlich: Es ist einfach nicht da. //

Die Redaktion

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