Erfurt: »Romeo und Julia«
Aus TdZ 9/1985
von Volkmar Draeger
Erschienen in: Die andere Seite – Tanz in der DDR von 1975 bis 1997 (04/2026)
Spektakuläres in Richtung einer neuen Werkdeutung hat von der Erfurter »Romeo«-Inszenierung niemand erwartet, wohl aber eine vom choreographischen wie vom tänzerischen Handwerk her solide Arbeit. Diese Erwartung wurde erfüllt. Als angenehm empfand ich, daß Sigrid Trittmacher-Koch die Fabel zügig, verständlich und ohne Brüche erzählt und dem Tanz breiten Raum bietet. Sie stützt sich überwiegend auf die derzeit gängige Librettoversion und behält die Partitur nahezu ungestrichen bei. Im Prolog zerreißen die Herren Montague und Capulet eine zweigeteilte Fahne – symbolisch deutet sich der latente, tief verwurzelte Konflikt zwischen den beiden Häusern an. Ohne Vorhang laufen die zwölf Bilder ab, lediglich durch Lichtstimmungen für die Umbauten getrennt. Das erzeugt den Eindruck einer in sich geschlossenen Inszenierung und läßt den Handlungsfaden nirgendwo reißen.
Die Choreographin führt im Epilog das Werk zu einem optimistischen Ende: Trauernd stehen die Familien im Halbkreis um das tote Liebespaar; als die Amme erreicht, daß sich alle aus Betroffenheit bei den Händen fassen, scheint der Streit überwunden. Größtenteils gelingen mit relativ wenigen Tänzern füllige und bewegte Volksszenen; daß sie während des Kampfes Mercutio/Tybalt bzw. Tybalt/Romeo den Umstehenden kaum eine Reaktion abverlangt, ist eine verschenkte Chance, Dramatik zu formen. Die Hochzeit Romeos und Julias bei Lorenzo geht...
















