von Gabriel Noah Maurer, Frank Schubert, Leonie Sarah Kolhoff und Olivier Joel Günter
Erschienen in: Recherchen 153: Wer bin ich, wenn ich spiele? – Fragen an eine moderne Schauspielausbildung (03/2021)
Gabriel Noah Maurer: Ich finde spannend, dass du unser Projekt für das Buch ausgewählt hast.
Frank Schubert: Ihr habt euch auf ganz klassische und konservative Art einem fertigen Stück genähert. Auch das gehört ins relativ weite Spektrum unserer Schule. Gabriel, du hast auch dein persönliches Spektrum sehr weit gesteckt und bist auf den unterschiedlichsten künstlerischen Baustellen unterwegs. Du hast nun als Schauspielstudent norway.today von Igor Bauersima inszeniert. Das Stück gehört zum Standardmaterial für Vorsprechen, Szenenstudien und Monologe.
GNM: Ich habe dazu zwei, drei negative Kommentare kassiert. Es war mir egal. Mehr muss ich nicht sagen.
FS: Eventuell doch noch drei Sätze?
GNM: Eigentlich wollte ich ein Bewegungsprojekt machen. Dann kam die Anregung für ein Regieprojekt durch einen älteren Kommilitonen, der ein solches Projekt gemacht hatte und das ich sehr beeindruckend fand. Ich habe dann beschlossen, etwas zu inszenieren. Ich wollte wissen, wie das ist, und hatte hier die Möglichkeit dazu. Ich wusste, ich kann als Schauspieler viel lernen, wenn ich mal auf der anderen Seite bin. Und norway.today habe ich gewählt, weil es mich schon immer interessierte. Das Stück liegt seit sieben oder acht Jahren auf meinem Nachttisch. Ich finde es hochaktuell und großartig geschrieben.
FS: Das Interesse in der Studierendenschaft an diesem Projekt war sehr groß. Wie viele hatten sich eingeschrieben?
GNM: Acht oder neun Leute. Es war das begehrteste Projekt in dieser Projektrunde.
FS: Das heißt ja nichts weniger, als dass das Bedürfnis nach einer solchen Arbeit auch allgemein groß war. Warum habt ihr euch eingeschrieben? Woher kommt bei euch dieses Interesse?
Leonie Sarah Kolhoff: Ich hatte das Bedürfnis, innerhalb der Projektlinie ein Stück von A bis Z zu spielen. Beim Grundlagenprojekt haben wir eigene Szenen auf Grundlage von klassischer Dramatik geschrieben, dann kam die Winterreise, die sehr musikalisch war, dann kam was total Komödiantisches, was an den Film angelehnt war, und dann habe ich überlegt, was ich noch brauche. Es war für mich auch wichtig, mit jemandem zu spielen, mit dem ich sonst nicht spielen kann.
GNM: Ja, es war für mich auch ein Kriterium: zwei Leute aus unterschiedlichen Studienjahren. Die Möglichkeit der Durchmischung unterschiedlicher Jahrgänge in der Projektlinie finde ich großartig.
FS: Olivier, du stehst noch am Anfang deiner Ausbildung und bist an einem ganz anderen Punkt als Leonie.
Olivier Joel Günter: Ich wollte vor allem möglichst pures Handwerk. Und das möglichst schnell. Mit möglichst viel Bühnenzeit. Ich finde Projekte generell interessant, aber ich bin an dem Punkt, an dem ich meine Projekte eigentlich nicht von einem Inhalt aus wähle. Ich frage mich, was ich lernen und handwerklich-technisch mitnehmen kann. Ganz klassisch. Ich denke immer, Kunst kann man auch später noch machen. Es ist für mich kein Kunststudium, sondern ein Handwerksstudium. Ganz klar. Hier sah ich die Chance. Ich wusste, wenn ich mit älteren Kommilitonen arbeite, kann ich wahnsinnig viel lernen. Die sind schon weiter und durch vieles durch. Ganz frisch. Anders als bei den Dozierenden. Ich habe mich auch darüber gefreut, nicht in einer riesen Gruppe zu arbeiten. Und als Schweizer war für mich die Auseinandersetzung mit der deutschen Bühnensprache wichtig. Dafür wollte ich wirklich viel Bühnenzeit haben. Ich muss mehr arbeiten als andere, um die deutsche Sprache zu meiner emotionalen Sprache zu machen.
FS: Nun denke ich, dass Kreativität auch handwerkliche Aspekte einschließt.
LSK: Man muss den Zugang zur eigenen Kreativität finden.
OJG: Ja. Das bietet dann auch Freiheit. Wenn du immer nur das Lernen in Gut und Richtig einteilst, geht vieles einfach langsamer. Mit gedanklicher Freiheit kommt man schneller zum Ziel. Ja. Stimmt schon.
LSK: Und das auch schon innerhalb der Schule und nicht erst später. Fange ich erst nach der Ausbildung an, kreativ zu denken, beginne ich wieder von vorne. Die Frage ist doch, wie ich meine Kreativität im Ausbildungskontext entwickeln kann.
FS: Ihr hattet gute Arbeitsbedingungen?
LSK: Wir waren in der Probenphase ziemlich in unserer Blase, weil wir um einiges mehr proben konnten als die anderen Projekte. Wir mussten uns nicht die Bühne mit anderen teilen und haben meist direkt nach dem täglichen Morgentraining angefangen. Unser Sprecherzieher, Jürgen Wollweber, war auch ins Projekt involviert. Sprechen war kein Unterricht neben dem Projekt, so wie bei den anderen. Dann war es auf einmal 22 Uhr. Huch, wo ist die Zeit hin? Da waren die anderen schon längst weg.
FS: Ihr habt die ersten zwei Arbeitswochen viel improvisiert.
GNM: Die erste Woche waren wir vor allem am Tisch. In der zweiten Woche haben wir dann improvisiert. Zug um Zug oder mit Gegenständen, die die Figuren auf die Reise mitnehmen wollten. Es waren teilweise Improvisationen von über einer Stunde. Wir haben auch viel Grundlagenzeug gemacht.
LSK: Langeweile aushalten.
GNM: Über eine halbe Stunde durften sie nichts machen. Nur die Zeit aushalten.
LSK: Oh, das war so schrecklich. – Und dann mussten wir erstmal eine Beziehung zueinander aufbauen. Wir brauchten ja eine gewisse Intimität.
FS: Es ging in den Improvisationen also weniger darum, Spielmaterial zu generieren.
GNM: Ja. Wir wollten Erfahrungen miteinander machen. Wichtig dabei ist allerdings, dass die Improvisationen aus den Figuren heraus entwickelt wurden. Alle Übungen, Spiele und Improvisationen hatten den Sinn, dass wir die Figuren über uns selbst kennenlernen.
OJG: Nähe zulassen. Das war für mich eine größere Herausforderung als für die Figur.
LSK: Es brauchte nur kleine Kommentare und Bemerkungen, um zu wissen, was wir tun können. Alles das, was wir in der Ausbildung gelernt haben. Die handwerklichen Sachen haben jetzt einfach gegriffen. Jakob Vonau, er ist Medienkünstler und war unser Bühnenbildner und Technischer Direktor, war dabei ein guter Spiegel. Er reflektierte alles, was wir machten. So hat er uns geholfen, das überhaupt wahrzunehmen. Wir hatten ja keine Distanz mehr zu diesen Sachen.
GNM: Ich habe in unserer Arbeit natürlich auf ein Ergebnis hingearbeitet. Aber zwei Tage vor der Premiere spielte das Ergebnis für mich keine Rolle mehr. Das war für mich ein megaschöner Punkt und der war auch nur durch den Rahmen der Schule möglich. Hätten wir das Projekt am Ende gegen die Wand gefahren, klar, dann hätte es uns geärgert, aber es wäre nicht schlimm gewesen, denn die Lernkurve war sehr steil. Das hat viel Druck von uns genommen.
FS: Zu den Rahmenbedingungen eines Projektes gehört immer auch ein Coach.
LSK: Unser Coach, Lukas Bangerter, war vor allem Gabriels Regie-Mentor. Die Verabredung war, dass er uns Schauspieler nicht inszeniert.
GNM: Er sagte nur mir, wie ich mit Leonie und Olivier arbeiten könnte. Und ich hatte immer die Entscheidung darüber, was ich den beiden weitergebe.
FS: Das ist mitunter ein heikler Punkt. Vor allem in Krisensituationen. Die Anwesenheit eines Mentors als Co-Regisseur kann die Arbeit sehr beeinflussen. Wir haben ja auch keinen Regie-Studiengang. Solche Projekte sind eher die Ausnahme.
OJG: Sie haben eigentlich immer nur zu zweit geredet. Wir waren nicht dabei. Erst am Ende bei den Durchlaufproben hat er auch uns Tipps gegeben. Die waren aber sehr zurückhaltend und beschränkten sich darauf, Gabriel zu unterstützen. Aber er war im Zuschauen immer sehr motivierend.
GNM: Ich war kritischer als er.
LSK: Ja. Warst du.
GNM: Zu Beginn hat er mir eine Zeichnung gezeigt, wie sein Mentorat funktioniert. Da gab es ein Kästchen und das war er. Dann hat das Kästchen zu mir geführt. Ich war ein zweites Kästchen. Und mein Kästchen hat zu den beiden geführt. Andere Wege gab es nicht. Besser hätte es nicht laufen können. Auch Jakob Vonau war von der ersten Sekunde an Feuer und Flamme und auch unser Sprechdozent, Jürgen Wollweber, war ziemlich aktiv dabei. Dem habe ich die Freiheit geben können, auch reinzurufen, abzubrechen und zu arbeiten. Es lief gut, weil ich immer sagen konnte, was ich wie sehe und wie es für mich besser funktionieren könnte.
LSK: Lukas Bangerter hat immer knallharte Fragen gestellt. Auch technisch. Er hat eine regelrechte Strichliste geführt. Und Gabriel und Jakob hatten immer eine Antwort. Das führte zu viel Vertrauen.
GNM: Ja. Wir waren total auf Augenhöhe. Es war aber auch ein Herzensprojekt.
FS: Was war der größte Unterschied zu anderen Arbeiten?
LSK: Es war vor allem die Textvorlage. Es war keine Stückentwicklung. In meinen früheren Projekten wurde ja alles aus Improvisationen entwickelt. Das war schon im Grundlagenprojekt so und in der Winterreise war es auch so. Da haben wir alles aus den Rudelgesängen von Martin von Allmen entwickelt. So war es eigentlich immer.
FS: Du hast dich danach gesehnt, diese Freiheit ein wenig aufzugeben.
LSK: Ja.
FS: Worauf fußte konkret dein Wohlgefühl in dieser Arbeit?
LSK: Für mich ist es immer die Rolle. Ich wollte immer Rollen spielen. Ich möchte in Rollen eintauchen und möchte durch Figuren Dinge erleben, die ich in meinem privaten Leben nicht erleben kann. Das ist mein höchster Antrieb, diesen Beruf zu machen. In norway.today gab es Julie und ich konnte Julie kennenlernen. Bei den anderen Projekten kam das irgendwie später. Da stand immer zuerst das Gesamtprojekt im Vordergrund. Hier war es die Rolle und mein Spielpartner. Ich wusste, ich muss Julie kennenlernen und über sie August. Und ich habe auf diesem Wege auch meinen Spielpartner Olivier kennengelernt.
OJG: Der Unterschied zu den Szenenstudien ist, dass du die Geschichte und die Figur von Anfang bis Ende begleitest. Du hast kein Vorher oder Nachher. Genau so, wie du sie anlegst, ist sie komplett. Im Szenenstudium habe ich immer das Gefühl, ich muss alles, was die Figur ausmacht, in eine Szene ballern. Bei norway.today gibt es nur zwei Figuren, und die verbringen unglaublich viel Zeit miteinander. Man holt die Figur sehr nah zu sich heran. Das gibt extremes Vertrauen in die Figur.
GNM: Stimmt. Zeit ist schon ein Faktor.
OJG: Man muss wie in einem Szenenstudium wahnsinnig genau arbeiten. Aber hier hatten wir für alles viel mehr Zeit. Mehr Bühnenzeit. Mehr Konflikte. Mehr Dialoge. Man lernt einfach alles tiefer und lebendiger kennen. Die Figuren werden vielfältiger.
LSK: Das Ziel ist konkreter.
FS: Wie viel Olivier steckt in deiner Figur?
OJG: Ich empfinde die Figur als mir sehr ähnlich.
GNM: Im Film würde man sagen, das ist der absolute Typecast.
LSK: Bei mir ist es ein wenig anders. Julie ist um einiges selbstbewusster, als ich es bin. Julie und ich teilen aber auch eine Art von Humor und eine Art von Schlagfertigkeit. Gabriel hat am Anfang gesagt, ich muss die Berliner Schnauze rausholen. Und uns verbindet auch ein gewisses Misstrauen gegenüber Menschen. Aber Julie ist ein ganzes Stück weiter als ich. Sie hat Sachen geschnallt, die ich noch nicht geschnallt habe.
GNM: Ich habe immer versucht, viel von Leonie und Olivier in die Figuren reinzukriegen. Mir war es wichtig, dass wir kein Selbstmorddrama erzählen. Für mich geht es nicht um Selbstmord. Und mit Jakob zusammen haben wir eine Vorstellung von unterschiedlichen Stimmungen entwickelt. Wir haben versucht zu formulieren, wo wir das Publikum treffen wollen.
FS: Du studierst Schauspiel. Was hatte das für einen Einfluss auf deine Arbeitsweise?
GNM: Ich habe vor allem aufgenommen, weitergesponnen, präzisiert und geschliffen, was Leonie und Olivier mir angeboten haben. Ich habe etwas gesehen und hatte selten Mühe, Entscheidungen zu treffen. Aber das liegt vielleicht daran, dass ich dieses Buch so oft gelesen hatte. Ich habe mir vertraut.
LSK: Es war einfach sehr klar, was du von uns wolltest. Das Bild in deinem Kopf war extrem klar.
GNM: Ich wollte einfach die Figuren verstehen.
OJG: Dein Feedback war auch immer maßvoll. Ich konnte es gut begreifen. Man hat auch gemerkt, es ist dein Stück. Du magst es einfach. Du arbeitest sehr feinfühlig, eventuell auch ein bisschen filmisch. Du achtest auf Atmosphären und Beziehungen.
FS: Bei euch endet das Stück mit der schlichten Aussage, wir müssen hier weg. Ihr müsst es nicht verraten, aber wisst ihr, ob die beiden in den Tod springen oder nicht?
LSK: Darüber haben wir lange geredet.
FS: Habt ihr eine Antwort?
LSK: Ja.
OJG: Nach der Kussszene und solchen Sachen springen die hundertprozentig nicht.
LSK: Ne, die springen nicht.
GNM: Ne. Auf keinen Fall.
OJG: Aber wir haben lange daran gefeilt, dass es offenbleiben kann.
GNM: Die Entscheidung, ob sie springen oder nicht, liegt nicht bei uns. Die liegt beim Zuschauer. Das war mir wichtig. Das ist auch das Lebensbejahende. Wenn der Zuschauer rausgeht und hofft, dass sie nicht gesprungen sind, ist es doch toll. Es ist auch o. k., wenn er denkt, dass sie gesprungen sind. Aber uns war klar, dass sie nicht springen.
FS: An entscheidenden Stellen arbeitet ihr mit dem Mittel der Abblende und schließt mich als Zuschauer aus. Beispielsweise in der Liebesszene.
GNM: Jakob hat mir dieses Fadeout angeboten. Es war beim ersten Versuch ein magischer Moment. Das technische Mittel wird für mich zu einem Sinnbild.
LSK: Die Liebesszene im Zelt. Es wird im Stück alles haargenau beschrieben.
OJG: Als wir das ausprobiert haben, hast du gesagt, du findest es langweilig.
GNM: Ja. Sie beschreiben, wie sie Sex haben. Das habe ich rausgenommen. Das erzählt sich alles in diesem Kuss und diesem Fadeout.
FS: Ihr arbeitet mit großformatigen Videoeinspielungen. Am Anfang sehen wir Symbolbilder menschlicher Selbstzerstörung und dann gibt es dieses riesige romantische …
GNM: … kitschige …
FS: … ja … eventuell ist es kitschig … Die Polarlichter. Es ist am Anfang die Zerstörung und dann ist es die bewahrenswerte Welt, das Himmelszelt, unter dem sich beide finden können. Es gibt noch projizierte digitale Texte und die Live-Kamera. Das wirkt aber alles sehr schlicht.
GNM: Der Anfangseinspieler mit den Bildern menschlicher Selbstzerstörung, der Zerstörung der Welt und dem ganzen Chaos, ist bewusst gesetzt und nicht mehr aufgegriffen worden. Damit will ich nur Zuschauer und Figuren auf einen gemeinsamen Startpunkt bringen. Davor kann man flüchten, aber das betrifft uns alle. Dann haben wir auch die Videoszene, in der sich die beiden filmen. Mehr ist es aber nicht. Ich wollte den Fokus auf das Spiel der beiden Figuren legen. Das sollte das Zentrum bleiben. Es war aber technisch nicht unaufwendig.
FS: An die Arbeit mit einer Live-Kamera haben wir uns im Theater gewöhnt. Bei euch ist der Einsatz sehr schlicht gehalten, aber ich kann tief in die projizierten Gesichter schauen. Sie rücken sehr nah an mich heran. Die digitalen Texte am Anfang haben mit der digitalen Welt zu tun, in der man sich kennenlernen kann. Die Chatrooms. Natürlich assoziiere ich, dass man sich über das Internet jetzt noch unkomplizierter finden und gemeinsam umbringen kann. Meine Gedanken wandern dann auch schnell zum Darknet und zu diversen merkwürdigen Plattformen.
OJG: Der Fokus liegt nicht auf irgendwelchen Gefahren, dem Internet, Chatrooms oder sowas. Das ist ein abgelutschtes Thema für mich und ich meide es. Ich denke, es ist für die Leute, die damit nicht aufgewachsen sind, ein größeres Thema, als es in Wirklichkeit ist. Für eine zweite Ebene ist es wiederum ein viel zu komplexes Thema. Das müsste man dann ganz anders aufziehen.
LSK: Als das Stück entstand, war das Internetphänomen auch noch viel größer. Es war total neu. Heute kann jeder bei Facebook oder Instagram zu allem seinen Senf dazugeben. Das hat nichts mit dem Stück zu tun. Nichts. Krass ist doch, dass sich zwei Menschen von zwei Kontinenten im Internet treffen und sich zusammen in Norwegen umbringen wollen.
GNM: Ich will in der Inszenierung durch die Technik nur die Distanz zwischen den beiden Figuren verdeutlichen, die sich finden.
LSK: Es gibt nur kleine Kommentare zur Internetgesellschaft. Also mal ein Smiley im Text. Oder sowas.
GNM: Es war aber auch eine Entscheidung, nicht die bunten modernen Smileys zu nehmen, sondern die klassischen alten Strich-Punkt-Klammer-Zeichen.
FS: Die Figuren bezeichnen sich als Außenseiter und wollen sich buchstäblich fallen lassen und damit Verantwortung abgeben. Ich frage mich, ob das wirklich diese Welt spiegelt.
GNM: Es lässt sich sicher auf zwei Begriffe reduzieren. Sehnsucht nach Veränderung und Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Und das muss keine Gruppe sein. Die beiden fühlen sich einander sehr zugehörig. Sie haben sich gefunden. Und es verbindet sie die dringliche Frage nach einer Veränderung. Was auch immer. Wie auch immer. Aber es muss sich was ändern. Sie ertragen einfach den aktuellen Zustand nicht mehr.
LSK: Reizüberflutung war auch ein Stichwort. Julie sagt an einer Stelle, sie hatte alles im Mund und hat alles wieder ausgespuckt, kaum hatte sie es im Mund. Sie hat alles probiert, hat aber nirgendwo ihren Platz gefunden. Sie hat das Gefühl, es gibt für sie nichts mehr zu entdecken. Und August möchte endlich was erleben. Sie finden sich dann in diesem Polarlicht. August erlebt endlich was. Etwas Besonderes, was nicht viele Menschen sehen. Und Julie nimmt diese Schönheit wahr und findet dort eine gewisse Erfüllung. Auch sie hat sowas noch nie gesehen, sie kann also doch noch etwas entdecken. Die beiden brauchen sich, um diesen Moment richtig spüren zu können. Darin finden sie dann eine Liebe.
FS: Sie finden dies auf dem Weg in die Einsamkeit, in der materiellen Reduktion auf das Notwendigste und in der Distanz zur Welt. Dort erleben sie das Besondere.
LSK: Kurt Cobain hat geschrieben, »it’s better to burn out than to fade away«. Das ist für Julie ein ganz klarer Punkt. Sie sagt auch, sie kann Langeweile nicht ausstehen. Mit dreißig Jahren in einem Gärtchen zu sitzen und in zehn Minuten das Essen für die Kinder machen müssen – sie wäre todunglücklich. Sie würde sich auf der Stelle die Kugel geben. Und ich ticke auch ein bisschen so. Ich bin auch von sehr vielen Dingen schnell gelangweilt. Dann muss ich irgendwie weitergehen. Julie hat immer versucht weiterzugehen. Sie ist nicht depressiv.
GNM: Wir haben auch festgestellt, dass Julie ein kleiner Adrenalinjunkie ist.
FS: Das heißt, die letzten zehn Sekunden des Lebens müssen dann auch der absolut ultimative Kick sein.
FS: Heute reicht kein einfacher Bungeesprung mehr. Um einen Kick zu erhaschen, muss mit Boards aus Hubschraubern gesprungen oder sich mit dem Wingsuit von Felsen gestürzt werden.
OJG: Oder du gibst dich zufrieden, und Träume und Wünsche zerschreddern, weil du all diese Möglichkeiten im Überangebot hast oder du in einer Scheinwelt etwas repräsentierst, was du nicht wirklich bist. Weil man alles hat. Das ist so ein Punkt. Dann will man immer mehr, ist aber gleichzeitig überfordert von den Möglichkeiten und weiß nicht mehr, was man wirklich will. Ich kann vieles. Ich habe vieles. Wie echt ist das alles? Wie sehr ruhe ich mich darauf aus? Das ist ein großes Thema. Ja. Das sehe ich schon in unserer Generation. Was will ich als Nächstes, als Nächstes, als Nächstes … Das ist doch eine Lethargie.
GNM: In unserem Beruf gibt es ja eine ähnliche Tendenz. Vor zwanzig Jahren nackt auf einer Bühne zu sein – crazy. Heute hat das jeder gesehen. Das reicht nicht mehr.
FS: Schließt hier die Sehnsucht an, einen bewährten Text zu haben, eine überschaubare Beziehung zu spielen und unten sitzt ein Regisseur, dem man vertrauen kann?
GNM: Ja, weil ich einfach glaube, dass das unglaublich wertvoll sein kann. Es war eine tolle Zeit und ich bin superhappy mit der Arbeit. Und ich glaube auch, dass viele Zuschauer eine schöne Zeit hatten.
FS: Gibt es eine Sehnsucht nach spielerischen Wurzeln? So, wie sich viele nach handgemachter Musik sehnen?
LSK: Ja. Weil alles so abgestumpft ist.
OJG: Genau. Ein echtes Gespräch ist wertvoll. Wir sind zu viel mit Wirkung beschäftigt.
















