Zwischen Naivität und Selbstverschulden – »Madame Bovary« am Nationaltheater Weimar
Aus DM, 18.3.1991
von Volkmar Draeger
Erschienen in: Die andere Seite – Tanz in der DDR von 1975 bis 1997 (04/2026)
Klassikerrezeption hat sich das Ballett des Nationaltheaters Weimar auf die Fahne geschrieben. Nach »Romeo und Julia« und »Hoffmanns Erzählungen« nun eine Uraufführung: »Madame Bovary«. »Frei nach Motiven des gleichnamigen Romans von Flaubert«, so im Programmheft, gestaltete Michail Gawrikow das tragische Schicksal der französischen Provinzler-Gattin Emma Bovary. Dem Gastchoreographen ist es gelungen, das auf die Bühne zu transponieren. Weniger als im Roman geht es um das Aufbröseln eines vermeintlichen Familienidylls. Gawrikows Libretto konzentriert sich auf den Niedergang Emmas. Auf der Flucht aus ihren mittelmäßigen Eheverhältnissen verstrickt sich die einer irrealen Weitsicht aufgelegene Schwärmerin in zwei vermeintlich große Lieben, die sich lediglich als Amouren entlarven: Beide Männer, der jugendliche Heißsporn Rodolphe ebenso wie der elegant-elegische, dann einzig lüsterne Léon, enttäuschen sie. Trügerischen Trost bieten die Luxuskleider, die der Wucherer Emma in Kenntnis ihrer finanziellen Leichtfertigkeit ins Haus schickt undeckbare Wechsel entziehen der Verzweifelten das letzte Stück Hoffnung. Da körperliche Willfährigkeit dem Wucherer gegenüber ausscheidet, wählt die Verlassene den Freitod.
Die reichlich zweistündige Produktion in zwei Akten beginnt und schließt mit derselben Szene vor Emmas kerzengerahmtem Katafalk. Einzeln und zugeknöpft erscheinen die Trauergäste, jeder mitschuldig am Untergang der jungen Frau, sich dessen auch bewußt. Zwischen beiden Bildern läuft als...
















