Auftritt
Shakespeare im Kletterwald Schorfheide: Prosperas Bäume
„Der Sturm“ von William Shakespeare in einer Fassung von Thomas Bading – Regie Claudia Geisler und Thomas Bading, Kostüm und Bühne Anna Scholz, Ton und Licht Ron Thiele, Violine Raphael Papo
von Thomas Irmer
Assoziationen: Brandenburg Theaterkritiken Claudia Geisler-Bading Thomas Bading

Am Anfang wird mit dem Publikum erst einmal gerudert, wie es die norwegischen Fußballfans bei der WM taten. „Vor – und zurück“, kommandiert Spielmeister und Erzähler Thomas Bading zu dem von allen nur gedachten Schiff in Seenot zu Beginn von Shakespeares „Sturm“. Und alle machen mit, denn bei der mittlerweile achten Ausgabe von Shakespeare im Kletterwald hat es sich längst herumgesprochen, dass es hier, in der Schorfheide, 40 Kilometer nördlich von Berlin, auch um Spaß an pfiffigem Sommertheater geht.
Bading spielt zugleich Alonso, der mit anderen Schiffbrüchigen auf eine Insel gelangt, wo Prospera herrscht. Gundula Piepenbring thront auf einem Plateau zwischen Bäumen, die sonst Teil des Kletterparkparcours sind. Ihre Teenager-Tochter Miranda (Sky Arndt) hat sich in Minutenschnelle in den gerade erst aufgetauchten Ferdinand verguckt, den Caspar Schüchner mit ebenso rasch erwidernder Schüchternheit spielt – schließlich ist das Stück auf kompakte 70 Minuten angelegt. Die Setzung einer forschen Prospera statt des meist älteren zauberbärtigen Prosperos in dieser teils auch grausamen Rachegeschichte gibt dem Ganzen Leichtigkeit und ihrem Dialog mit Miranda den Touch eines Mutter-Tochter-Zoffs auf dem Weg ins große Liebes- und Vergebungsfinale zu Ariels wunderbarer Luftgeist-Violine von Raphael Papo.
„Der Sturm“ wird seit Langem schon auch als ein Stück über die Anfänge der Kolonialgeschichte interpretiert, mit einem die Insel in Besitz nehmenden Herrscher, der die dort schon Befindlichen, namentlich Caliban, für seine Zwecke unterwirft und bestraft. Badings straffe Fassung nimmt in der Regie von Claudia Geisler solch schweres Gepäck nicht mit und macht aus Caliban eine komische Figur. Thomas Büchel, bekleidet mit einem Rucksack voller dunkler Zotteln, versieht Caliban mit einem herrlichen Sächsisch. Er hat die Sprache der Fremden eben nicht ganz perfekt drauf, so könnte man das verstehen.
Der Zottelrucksack ist außerdem praktisch für Büchels schnellen Wechsel in die Figur des Antonio, mit der ein weiterer Handlungsstrang auf der Königsebene läuft und sich im Eindringen von Texten aus „Hamlet“ und „Macbeth“ verwirrt. Meta-Shakespeare als großer Spaß, das gehört zu diesem Volkstheater im Wald.
Auch Caspar Schüchner wechselt vom zarten Ferdinand in den derben Trinculo, sodass dieses auch in der geschickten Reduktion ziemlich komplexe Stück mit nur sechs Spieler:innen erzählt werden kann.
Der effektvoll beleuchtete Wald ist von exotischen Vogelschreien durchdrungen, die sich aus Lautsprechern mit echten Schorfheide-Käuzchenrufen in der abendlichen Atmosphäre vermischen. Dank Kopfmikros gelingt sogar Kammerspielton mit exzellenter Textverständlichkeit, was im Freilufttheater ja nicht immer der Fall ist. Natürlich müssen die zwischen den Bäumen gespannten Stahlseile und Wackelbrücken benutzt werden – am schönsten dann am Ende, wenn Prospera über die Köpfe des Publikums saust, und ihre Insel verlässt.
Erschienen am 10.8.2026
















