Auftritt
sogar theater Zürich: Meine Wohnung ist der Sitz der Welt
„Seltene Enten“ von Jens Nielsen – Regie Ursina Greuel, Ausstattung Cornelia Peter
von Elisabeth Feller
Assoziationen: Theaterkritiken Schweiz sogar theater

Die Lippen kräuseln sich bei ihr, der Blick ist aufmunternd bei ihm. Da fühlt man sich als Zuschauende(r) doch gleich willkommen. Deshalb will man den beiden – er nennt sich Onkel, sie Nichte – ebenfalls freundlich begegnen. Also kräuseln sich auch unsere Lippen, bevor man sich gerade noch entsinnt: Wir sind im Theater! Und dort sitzen uns die Schauspielerin Gulshan Sheikh und der Schauspieler Jonas Gygax an einem Tisch gegenüber. Er ist groß und schlaksig; sie ist kleiner und – nicht nur physisch, sondern auch verbal – derart quecksilbrig, dass einem immer mal wieder schwindelt.
Was die beiden verbindet, sind die Besuche des Onkels bei seiner Nichte, um zu testen, ob sie (noch) fähig ist, ein sogenannt normales Leben in ihrer Wohnung zu führen. Von Überleben müsste man wohl eher sprechen, denn die Nichte, die zunehmend von den Fragen des Onkels genervt ist, weiß Ungeheuerliches zu berichten. Eine enorme Menge Gras ist über Nacht gewachsen. „Aus dem Boden“, sagt sie und fügt hinzu: „Dann kam der Igel. Er kam durch die Decke. Es gab dort ein Loch. Eine Flut.“ Das ist eine Katastrophe, gleichwohl ist sie euphorisch: „Gestern war die Wohnung klein. Und jetzt? Es hat hier Platz. Die Wohnung ist enorm. Die Wände sind nicht mehr. Ich bin umgeben von unendlich Grasland. Großwild wird vorüberziehen. Zu den Wasserstellen in der Ferne. Meine Wohnung ist der Sitz der Welt.“ Klar, darf der mit Doktor Harper benannte Igel natürlich nicht fehlen.
Wie in aller Welt geht das bloß zusammen? Man hört den Onkel förmlich laut denken. Seiner Nichte kann er nichts entgegenhalten, denn er reagiert in ihren Augen viel zu rational auf das, was sie detailreich erzählt. Er glaubt ihr nicht, bis er selbst – es blitzt und donnert in der Wohnung – in den Strudel von bedrohlichen Ereignissen gerät und schließlich zur Erkenntnis gelangt: „Der Wahnsinn ist das alles. Weiß ich gar nicht, was als nächstes …“ Völlig konfus fragt er: „Wo ist das überhaupt noch … Draussen …“
Wenn das so einfach wäre. Aber in Jens Nielsens eine knappe Stunde dauerndem Kammerspiel „Seltene Enten“ ist nichts so, wie wir es gewohnt sind oder wie wir uns etwas vorstellen. Alles ist aufgelöst oder in Auflösung begriffen. Selbst die gut eingeübten Rollen des bevormundenden Onkels und der hilfsbedürftigen Nichte werden abgelegt. Genau das befähigt schließlich beide, sich ungezwungen damit auseinanderzusetzen, ob es überhaupt eine Welt außerhalb der Wohnung gibt. Aber ist es überhaupt wichtig, ob etwas real ist oder nicht?
In unserer Fantasie ist doch eh alles real – und so freut sich das hochtourig laufende Kopfkino eines jeden im Theater über einen Autor, der für das Publikum eine wunderbare Spur auslegt: mit kaum je ausformulierten Sätzen, rasanten Dialogen und absurdem Humor. Am Ende gibt’s keine Enten zu essen und schon gar keinen Igel, sondern ein Sandwich. Und dann kommt … Applaus? Stille? Wird’s lustig? Oder ernst? Oder geht’s weiter? „Aber ohne uns“, sagen Onkel und Nichte mit verschmitztem Lächeln, worauf Applaus aufbrandet.
Was bleibt von Jens Nielsens „Seltenen Enten“? Spontan kommt einem ein Soufflé in den Sinn; eine köstliche Speise mit extrem luftiger Textur. Sie muss allerdings rasch genossen werden, sonst fällt sie zusammen. In Zürichs kleinstem Haus, dem Theater sogar, fällt gar nichts zusammen. Was nicht überrascht, denn wer hier inszeniert, liebt dieses Theater, zu dem man durch einen Hof gelangt. Lieben heißt: Man setzt sich mit der winzigen Bühne mit liebevollem Ernst auseinander. Ursina Greuel (Regie), Cornelia Peter (Ausstattung) und Fanny Klaffke (Licht) wissen natürlich, was möglich ist. Vieles, wie eben jetzt, wenn vor, hinter und neben einem Tisch fast schon unüberblickbar viel Gras wächst und es bei der evozierten Sturmflut so sehr von der Decke tropft, dass Gulshan Sheikh und Jonas Gygax tropfnass werden. Sie ertragen das mit Ausgelassenheit und Gleichmut. Geht diese Verknüpfung zweier Gegensätze überhaupt? Nur auf den ersten Blick wirken sie widersprüchlich, auf den zweiten offenbaren sie: Unbeschwertheit und Gelassenheit sind einander geschwisterlich verbunden. Genau das spielen Sheikh und Gygax: Zwei, die sich die Bühne mit Gängen und Gesten locker erobern und sich im Spannungsfeld zwischen verbalem Ping-Pong, anfänglichem Nicht-Zuhören-Können und echtem Dialog bewegen. – Das Kopfkino funktioniert übrigens weiter. Beim Eintreten in die Wohnung: nirgendwo Gras?! Kein Igel im Waschbecken?! Kann ja noch kommen.
Erschienen am 1.10.2026


















