Theater der Zeit

Auftritt

Theater Münster: Ophelia will Erbschaftssteuer

„hamlet, sun off“ von Thomas Köck – Regie Thomas Köck, Bühne Barbara Ehnes, Kostüm Martin Miotk, Musik Andreas Spechtl, Video Dagmar Schürrer

von Stefan Keim

Assoziationen: Kritiken Nordrhein-Westfalen Theaterkritiken Thomas Köck Theater Münster

Ophelia als Prollpunk - Elzemarieke de Vos
Ophelia als Prollpunk - Elzemarieke de VosFoto: Sandra Then

Die Welt geht mal wieder unter. Diesmal durch Geoengineering. Weil die Sonne alles zu verbrennen droht, hat ein Unternehmen Salzpartikel in die Wolken geschossen, die ein Schutzschild bilden sollen. Hat geklappt, jetzt herrscht Eiszeit. Sun off! Der unter seltsamen Umständen verstorbene CEO der Firma ist zu einem Geist geworden, oder vielleicht diente er auch als Vorlage für eine KI. Als „ghost in the machine“ hat er nun die Kontrolle über alles. Und nur einer kann mit ihm reden, sein Sohn Hamlet. Son of!

Aus der Grundidee zu Thomas Köcks Shakespeare-Überschreibung „hamlet, sun off“ lässt sich ein spannender und abgedrehter Ökothriller machen. Andeutungsweise ist das auch gelungen. Köck interpretiert die Rollen um. Polonius ist keine Hofschranze, sondern der Chefideologe des puren Konsumkapitalismus. Julius Janosch Schulte spricht zynische Kommentare wie grünglitzernden Giftsabber. Hamlets Mutter Gert hat die intellektuelle Oberhoheit und verachtet ihren Mann Claude, der in dieser Fassung überhaupt nichts beizutragen hat und eher aus Mitleid ein paar Sätze abbekommen hat. Schwerer Job für Ilja Harjes, wogegen Ansgar Sauren als Gert ein paar brillante Momente hat.

Bühnenbildnerin Barbara Ehnes hat einen Steg ins Publikum hineingebaut und auf die Bühne einen drehbaren und über mehrere Treppen begehbaren Turm gestellt. Aus dem Orchestergraben werden manchmal zwei Schlagzeuger hochgefahren, die das dauerlaute Musikgedröhn von Andreas Spechtl mit einer Portion Extrabums bereichern. „A drum a drum Hamlet doth come!“ Oder so. War glaube ich ein anderes Stück. Ist aber egal, denn bei „hamlet, sun off“ geht es nicht um Feinheiten. Im Hintergrund flackern in Dauerschleife bunte Videos, das Ensemble rattert die Texte in einer Schnelligkeit herunter, als wäre alles ein Film und die Regie hätte den Schnellvorlauf eingestellt. Interessanterweise ist der Regisseur der Autor. Thomas Köck scheint seinem eigenen Text nicht zu vertrauen, sodass er ihn weitgehend als Klangmaterial behandelt und dem Publikum um die Ohren haut. Wahrscheinlich hat er damit recht.

Allerdings macht mir der Abend immer wieder Spaß. Ein paar Pointen sind textverständlich und durchaus witzig. Martin Miotks Kostüme erinnern an die Over-the-top-Klamotten von Fantasy-Cosplayern. Und das könnte sogar einem sinnvollen Gedanken entspringen, denn das Stück spielt in einer Art Bunker, in dem sich die Reichen vor der Eiszeit draußen verbergen. Da scheint es nachvollziehbar, sich in eine Fantasy-Welt zu flüchten. Immer wieder gibt es politische Statements. Elzemarieke de Vos spielt eine hemmungslos prollige Haudrauf-Ophelia und fordert gleich zu Beginn eine Erbschaftssteuer. Kurzer Beifall aus dem Publikum, dann verpufft die Botschaft wie manche Warnung vor der Klimakatastrophe. Thomas Köck gilt ja eigentlich als politisch engagierter Dramatiker, aber diesmal wirken die aktivistischen Momente so glaubwürdig wie die Brandmauer der CDU.

Heute bleibt der Shakespeare kalt - Hamlet köckt im Shakespeare-WaldFoto: Sandra Then
Gert ohne Rud - Ansgar Sauren als intellektuelle KöniginFoto: Sandra Then

Als Einzige trägt Mateja Meded als Hamlet ein weniger opulentes Kostüm. Aber ein überzeugender Gegenentwurf zur gewissenlosen Gaga-Gesellschaft ist dieser CEO-Sohn nicht. Mit der gewaltigen Power einer erfahrenen Performerin rast sie über die Treppen und den Steg, mal ungestümes Rumpelstilzchen, mal Dämon im Stil der „Evil Dead“-Filme. Es ist ja auch ein Evil Dad, mit dem sie es zu tun hat. Ohhhh, die vielen verköckten Wortspiele des Stücks haben Spuren im Hirn des Kritikers hinterlassen. Manchmal ist Hamlet ein Mann, dann plötzlich wieder eine feministische Performerin, die fröhlich reimt: „Heute bleibt die Fotze kalt, denn es wird jetzt anal geknallt.“ Sinn oder nicht Sinn – das ist scheißegal in Münster. Mitten in der Vorstellung laufen plötzlich einige Leute aus einer Reihe und setzen sich woanders hin. Da hatte wohl jemand ins Theater gekotzt und olfaktorische Zeichen hinterlassen. Das war nicht Teil der Inszenierung, passte aber irgendwie. Man kann diese Aufführung richtig bescheuert finden. Ist sie auch. Aber ich habe schon langweiligere Theaterabende erlebt.

Erschienen am 12.10.2026

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