Auftritt
Theater Plauen-Zwickau: Romantik im Überfluss
„Ich schieß’ auf den Adler!“ von Mizgîn Bilmen und Kornelius Luther (UA) – Regie Mizgîn Bilmen, Bühne und Kostüme Sabine Mäder, Musik und Komposition Sebastian Undisz, Text und Konzept Mizgîn Bilmen, Kornelius Luther
Assoziationen: Sachsen Theaterkritiken Dossier: Uraufführungen Mizgîn Bilmen Theater Plauen-Zwickau

„Open Schumann“ heißt ein mehrjähriges Projekt, mit dem das Theater Plauen-Zwickau den Komponisten Robert Schumann ehrt, der 1810 in Zwickau geboren wurde. Nach Oper, Ballett und Jugendtheatersparte findet es im Schauspiel vorerst seinen Abschluss mit der Uraufführung „Ich schieß’ auf den Adler!“ Den Text dieser „romantischen Rhapsodie in Tränen und Flammen“, wie der Untertitel verrät, hat Gastregisseurin Mizgîn Bilmen mit Kornelius Luther erarbeitet, der als leitender Dramaturg am Theater engagiert ist und mit diesem Stück seine Arbeit in Sachsen beendet. Intendant Dirk Löschner überreicht zum Abschied einen Blumenstrauß und dankt mit warmen Worten. Luther geht ans Volkstheater in Rostock. Mit „Transit Zwickau“ war ihm im Mai 2025 schon ein Dokumentartheaterstück zum Thema Vertragsarbeiter:innen am Produktionsort des DDR-Trabanten sehr gelungen.
Er und Bilmen bleiben auch hier den Trabanten – den Himmelskörpern – treu. Dieses Mal sei, laut Programmheft, die Romantik der „Fixstern des Abends“, auf den die „Kometen“ „Heiner Müller, Frankenstein und Rapper Haftbefehl“ fallen und ihn beinahe aus der Umlaufbahn bringen würden. Theater als Teilchenbeschleuniger also, um eine Kernfusion zu initiieren – ein neues Energielevel für unsere Zeit. Und tatsächlich schleudern sich drei Schauspielerinnen und drei Schauspieler zunächst Worte wie Atome zu: „Blumen; am Rhein; im Wunderhorn; am Sternenzelt“ – das haben wir als Publikum irgendwo schon mal aufgeschnappt, aber wo? Erst peu à peu ergeben sich Sätze, Reime, Gedichte, z. B. von Clemens Brentano oder Novalis. Die Akteur:innen stehen dabei auf der leeren, dunklen Bühne in einer Art kleinem Gewächshaus, das auf der Drehbühne wie im All um eine Mitte kreist, die ihre Anziehungskraft vorerst noch nicht preisgeben will. Oder doch schon preisgegeben hat? Denn ganz am Anfang hatte ein zehnköpfiger Mädchenchor ein martialisches Freiheitslied in Schwarz, Rot, Gold intoniert – Nationalismus als erhoffter Schlüssel zur Freiheit kreist hier also von Beginn an mit.
Während der Mädchenchor in heutiger Alltagskleidung auftritt, scheinen die Schauspieler:innen einem Zirkus zu entstammen, wie sie in ihren weißen Glitzerröcken, im dunkelroten Frack oder mit Zylinder auftreten. Dazu zeigt sich die Liveband mit ihrem Leiter Sebastian Undisz als kleine Gruppe von Robert-Schumann-Klonen. Sabine Mäder, die Bühne und Kostüme entworfen hat, erschafft ein optisch ansprechendes Setting, das mit Schiff, Engelsflügeln und viel Nebel an Sebastian Hartmann erinnert, der ganz ähnlich seine Dresdner Inszenierung „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ ausgestattet hatte.
Auch in Zwickau ist es eine Reise in die Nacht, wenn am Ende des ersten, rund eineinhalb Stunden dauernden Teils Nicole Widera in einem beeindruckend vorgetragenen Monolog vom Menschen berichtet, der, „gequält von allem Hässlichen, Widrigen und Niedrigen, zu viel fühlen, zu viel ahnen“ würde. Er solle doch lieber sein „leibliches Auge schließen“ und künftig mit einem „geistigen Auge“ sehen. Widera erklärt, der Mensch sei „ein Wesen, das seinen Widerspruch Kunst nennt. Gott so nah wie dem Teufel.“ Darüber muss man erstmal nachdenken.
In der Pause geht es deswegen kurz raus auf den Platz vor dem Theater. Zwischen ihm und dem Rathaus ist ein großes Zelt aufgebaut. Darinnen findet gerade die „Mercedes Fashion Night“ statt. Es scheint ausverkauft zu sein. Vor dem Zelt parken die hochglanzpolierten Limousinen der Schwaben, während am Rathausturm ein Banner verkündet: „Ganz Zwickau steht zu seinem VW-Werk!“ So sieht also die Realität aus.
Im Theater war die Premiere kaum halb gefüllt. Jetzt im zweiten Teil wird es dynamischer. Bilmen arrangiert den Mädchenchor, die Liveband und die Schauspieler:innen im Raum, den sie über große Distanzen zu nutzen versteht und so Spannung aufbaut. Ein Bild, in dem die Schauspieler:innen, eingehüllt in ihre eigenen schwarzen Röcke, wie Grabsteine umherstehen und von den Mädchen wie von Engeln behütet werden, bleibt haften. Ben Hartmann kontert jetzt den großen Monolog im ersten Teil und erklärt mit Friedrich Hölderlin, die „Grenze zwischen draußen und drinnen wird dünner“. Die Dunkelheit umfasse alles gleichermaßen. Neben Hartmann und Widera haben auch die anderen Schauspieler:innen, Joshua Dahmen, Adrian Djokić, Claudia Lüftenegger und Ute Menzel, kleinere Monologe, in denen sie sich zeigen können, was gut gelingt. Dann verlassen wir den Kosmos der Romantik und fliegen mit Paul Celans „Todesfuge“ und Heiner Müllers „Hamletmaschine“ durch die jüngere deutsche Geschichte, streifen dabei noch kurz die Frankenstein-Monster und landen am Ende im „schwarzen Album“ des Rappers Haftbefehl: bei EMSF – bei „Engeln mit schwarzen Flügeln“.
Für die „romantische Rhapsodie“ von Mizgîn Bilmen und Kornelius Luther wird intellektuell und vom Text her schweres Geschütz aufgefahren. Es ist wie Buttercremetorte mit Zuckerguss; zu viel des Guten, und das mag auch die Schauspieler:innen verunsichert haben, weil sie erst mit der Zeit Bodenhaftung im Spiel gewannen. Andererseits scheint so eine Text-Auftürmerei der Romantik auch seelenverwandt. Warum also nicht! Die Livemusik ist ein bleibender Schwachpunkt. Die Melodien des Mädchenchores klangen simpel gestrickt und die Instrumentierung mit Trompete, Schlagzeug und E- und Bassgitarre wirkte altbacken. Vom Bühnenbild und den Kostümen her betrachtet gewinnt der Abend durch seine Ästhetik zunehmend. Auch die Regisseurin weiß sich auf gut gearbeitete und gut ins Spiel gebrachte Mittel zu beschränken. Am Ende versöhnen Bild und Regie mit einem Abend, der textlich viel will und musikalisch zu wenig kann. Dem Publikum hat’s sehr gefallen. Es applaudiert lange und herzlich.
Erschienen am 29.9.2026


















