Auftritt
Schauspiel Stuttgart: Im Trachtenrausch gegen Geschichtsvergessenheit
„Zwischen zwei Menschen entsteht manchmal, wie selten, eine Welt. Eine theatrale Erkundung zu Hannah Arendt und ‚Totenauberg‘ von Elfriede Jelinek“ – Regie Burkhard C. Kosminski, Bühne Florian Etti, Kostüme Ute Lindenberg, Musik Hans Platzgumer, Video Sebastian Pircher
von Elisabeth Maier
Assoziationen: Baden-Württemberg Theaterkritiken Schauspiel Stuttgart

Die „Banalität des Bösen“ ist ein Thema, das die Philosophin und Politologin Hannah Arendt nie losgelassen hat. Als Berichterstatterin beim Eichmann-Prozess in Jerusalem dokumentierte sie in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“ nicht nur den schwierigen Umgang der Deutschen mit den Verbrechen der Nationalsozialisten. Dass sich der Erfüllungsgehilfe Hitlers und seiner Schergen als „Hanswurst“ präsentiert habe, das machte die Vordenkerin einer direkten Demokratie fassungslos. An ihre komplexe Lebensgeschichte nähert sich der Stuttgarter Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski mit einem viereinhalbstündigen Theaterabend an, der das Publikum aufs Äußerste fordert.
In Briefen, Dialogen und im Theaterstück „Totenauberg“ von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek begibt sich Kosminski auf Spurensuche in eine ebenso spannende wie komplexe Biografie. Die Stimme der politischen Theoretikerin, die 1975 im Alter von 69 Jahren starb, ist heute wichtiger denn je. Denn sie kämpfte bis zuletzt gegen die Geschichtsvergessenheit, die nicht nur die westlichen Demokratien in den Rechtsruck treibt. Allerdings erdrückt dokumentarische Schwere in der ersten Produktion der Spielzeit das Porträt einer Demokratin, das berührt und verstört.
An unterschiedlichen Spielorten auf der Hinterbühne und im Saal des Schauspielhauses zeichnet der Regisseur mit dem Ensemble ein vielschichtiges Bild von Arendts Karriere. Die Plätze zu wechseln, kostet viel Zeit. Das sorgt für unnötiges Chaos und Leerlauf. Sylvana Krappatsch und Katharina Hauter verkörpern die junge jüdische Wissenschaftlerin und Publizistin, die vor den Nazis fliehen musste, als Berichterstatterin im Eichmann-Prozess. Klug arbeiten die Schauspielerinnen die moralische Integrität der Figur heraus. Im gläsernen Käfig des improvisierten Gerichtssaals zieht Rainer Galke den Naziverbrecher bewusst ins Lächerliche.
Im Briefwechsel mit dem deutschnationalen Philosophen Martin Heidegger bringt der dokumentarische Teil des Abends eine andere Seite der Philosophin und politischen Theoretikerin zum Klingen. Therese Dörr porträtiert sie sensibel und schön als eine liebende Frau, die Gefühle nicht über Prinzipien stellt. Der Antisemit Heidegger, eiskalt und tiefenscharf dargestellt von Matthias Leja, berührt ihr Herz. In den Dialogen zwischen dem Denker mit nationalsozialistischer Vergangenheit und der Demokratin offenbaren sich zwar tiefe Gräben. Dennoch verleugnet das Paar gegenseitige Bewunderung und Zuneigung nicht.
Die schwierige Liaison deutet Elfriede Jelinek in dem 1991 erschienenen Drama „Totenauberg“ zu einem Diskurs zwischen Heimat und Fremde um. In Heideggers Hütte auf dem Todtnauberg im Schwarzwald entstand ein großer Teil seiner Schriften. Diese scheinbare Idylle zertrümmert Jelinek, indem sie auf die dunkle Geschichte der Deutschen verweist. „Was für ein Glück, dass andere den Tod für Euch haben erfahren müssen. Menschenherden habt Ihr aus der Behaglichkeit gerissen, während Eure Bergbäche rauschten.“ Sylvana Krappatsch bringt Jelineks sprachgewaltige Gesellschaftskritik in Sätzen wie diesen scharf heraus.
Bühnenbildner Florian Etti stellt Jelineks verzerrte Visionen von Gamsbart und Hirschgeweih mit viel Mut zum Kitsch auf die Bühne. Da schöpft auch Ute Lindenberg mit ihren lustvoll überzogenen Kostümen aus dem Vollen. Die Akteure schwelgen im Trachtenrausch. Diese Ausstattung steht im krassen Kontrast zu den Bildern der Naziopfer, die in Fotos und Videos immer wieder über die Leinwand flimmern. Die dokumentarische Schwere des Abends vermag aber auch dieses eineinhalbstündige Stück nicht aufzubrechen.
Ganz anders ist das beim Auftritt von Daniel Cohn-Bendit. Der Europapolitiker und ehemalige Sprecher der Studentenrevolte im Jahr 1968 fesselt das Publikum mit seiner Performance. Mit viel Witz und brillanter Rhetorik erinnert er an die menschliche Seite der großen politischen Theoretikerin, die auch sein Weltbild geprägt habe. Mit dem immer noch gleichen souveränen Lächeln, das ihn auf Medienbildern von 1968 zur Ikone machte, bringt er den Gästen den Menschen Hannah Arendt nahe. Sie habe ihn als „den Buben“ aufgemuntert und inspiriert. Die Chance, diese Leichtigkeit auch in Arendts Schriften stärker herauszuheben, hat das Regieteam über weite Strecken verpasst.
Erschienen am 5.10.2026


















