Theater der Zeit

Auftritt

Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen: (k)ein Märchen aus der Lausitz

„Spuk von draußen oder Karaseks Schatz“ von Lutz Hillmann nach C.U. Wiesner und Günter Meyer – Regie Lutz Hillmann, Bühne Tom Böhm, Kostüme Katharina Lorenz, Musikalische Leitung Tasso Schille

von Stefan Petraschewsky

Assoziationen: Theaterkritiken Sachsen Lutz Hillmann Deutsch-Sorbisches Volkstheater Bautzen

Zum Jubiläum des 30. Bautzener Theatersommers gab’s eine Uraufführung: „Spuk von draußen oder Karaseks Schatz“. Lutz Hillmann, Intendant am Theater Bautzen und hier auch Regisseur, hat das Stück selbst verfasst.
Zum Jubiläum des 30. Bautzener Theatersommers gab’s eine Uraufführung: „Spuk von draußen oder Karaseks Schatz“. Lutz Hillmann, Intendant am Theater Bautzen und hier auch Regisseur, hat das Stück selbst verfasst.Foto: Roman Koryzna

Anzeige

27 Grad am Abend, Sonne, kein Gewitter. Ideale Bedingungen für das Jubiläum. Man sitzt im Hof der Ortenburg. Das ist in der Altstadt der höchste Punkt auf einem Granitfelsen. Unten fließt die Spree – oben hat man diesen schönen Burghof mit der Kulisse der Ortenburg: eine prächtige Renaissancefassade, heutzutage ist hier das sächsische Oberverwaltungsgericht untergebracht. Im Hof ist für das Sommertheater eine Bühne für knapp 1000 Leute aufgebaut. Es gibt Gastronomie, mehrere Stände. Bei 35 Vorstellungen kommen hier 35.000 Besucher:innen zusammen, fast so viele Menschen wie Bautzen Einwohner:innen hat. Im Vorverkauf sind schon knapp 30.000 Karten weg. 

„Spuk von draußen“ ist im Original eine Fernsehserie aus den letzten DDR-Jahren. Eine Fortsetzung von „Spuk unterm Riesenrad“. Im Original spielt sie im Erzgebirge, hier in der Oberlausitz. „Karaseks Schatz“ spielt auf Karasek, einen Räuberhauptmann, an, der in der Oberlausitz der Legende nach wie ein Robin Hood gewirkt haben soll. Aber anders als Robin Hood gab es Karasek wirklich. Er wurde 1764 bei Prag geboren und starb als Gefangener in Dresden 1809. Die Handlung im Stück spielt in den, wie es heißt, „wunderschönen Oberlausitzer Bergen“, in Lautersdorf. Das erinnert an Leutersdorf, einen Ort zwischen Bautzen und Zittau an der tschechischen Grenze, in dem der reale Karasek in der Greibich-Schenke Unterschlupf gefunden hatte.

Hier ist Lautersdorf auf der Bühne aufgebaut: Links eine Art Scheune, in der hinter einem Vorhang immer wieder kleine Szenen in Rückblende erzählt werden. Rechts die „Karasek-Klause“, in der die Live-Band spielt. In der Mitte das Greibichhaus auf einer Drehbühne. Von außen ein Umgebindehaus, und gedreht eine dreistöckige Wohnung, die so detailreich ausgestattet ist, dass es hier Szenenapplaus gab. Das ganze Dorf ist in Schwarz-Weiß-Optik aufgebaut. Die Bühne ist 50 m breit. Ein Hingucker, gebaut von Tom Böhm!

In den folgenden knapp drei Stunden Spieldauer gibt es drei Handlungsstränge. Da ist die Familie Habermann: Mutter, Vater und zwei Kinder. Sie kommen aus Frankfurt am Main und machen Urlaub in der Oberlausitz. Er ist Arzt und entschließt sich, von der Dorfgemeinschaft gedrängt, eine Hausarzt-Praxis in Lautersdorf zu öffnen. Frau Habermann darf die Bibliothek und damit die Dorfchronik auf Vordermann bringen. Die Familie ist begeistert von der Lebensqualität: „Schau Dir die Landschaft an, denk Dir ein paar Zypressen dazu, und du kommst dir vor wie in der Toskana.“ Auch ein altes Haus mit Denkmalqualität – allerdings auch mit Spukpotential – ist schnell gefunden: die ehemalige Greibichschenke. Die steht fast leer. Nur Opa Rodenwald lebt da noch drin. Und das ist die Brücke zum zweiten Handlungsstrang. Denn Opa Rodenwald ist ein Roboter, der vom Planeten Obskura stammt und seit Karaseks Zeiten in der Schenke lebt, die ein Beobachtungsposten auf der Erde ist. Allerdings wurde die Schenke mit Material vom Planeten Obskura gebaut, der seitdem durch das Weltall „eiert“. Das Haus muss also zurückgebracht werden. Die dritte Handlungsebene ist eine Filmcrew, die gerade einen Film über Karasek dreht.

Foto: Roman Koryzna

Dramatische Konflikte sind in diesem Setting eher Fehlanzeige. Stattdessen setzt Lutz Hillmann als Regisseur und Autor auf Effekte: Feuerwerk, Explosionen, skurrile Autos – ein alter Ford Transit, ein alter Traktor. Das rummst, knattert und stinkt – und die Leute lieben es. Dazu Musik, die von Star Wars über ABBA bis zum Popsong „Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein!“ reicht. Hier allerdings mit neuem Text, der im großen Finale mit extra Choreografie die alte und neue Heimat feiert: „Oberlausitz heißt mein Gold – ich lass mich auf dich ein, meine Heimat sollst du sein.“

Einerseits ist das eine fast kitschige, ganz große Umarmung einer vielzitierten gespaltenen Gesellschaft; andererseits auch eine ziemlich zynische Satire, wenn hier die zugezogene Wessi-Familie aus Frankfurt am Main den Osten rettet, wo Hausärzte und auch Kinder – sprich: Zukunft fehlt. Der neue Hausarzt aus dem Westen muss auch immer wieder gegen Tetanus impfen und glaubt an die Naturwissenschaft, während die Dorfbevölkerung in blauen Kostümen wie die Schlümpfe umherläuft – was man besonders deutlich am aufgeplusterten Bürgermeister sehen kann. Hier spielt die Kostümbildnerin Katharina Lorenz mit dem Lausitz-typischen Blaudruck: Das ist einerseits ästhetisch, erinnert aber auch an das AfD-Blau. Und wenn der Bautzener CDU-Landrat Udo Witschas zu Beginn den Theatersommer eröffnet und zum Stücktitel passend im Kosmonauten-Kostüm auf die Bühne kommt und dann sagt, aus dem All sehe das Lausitzer Oberland blau aus – er schiebt dann nach, dass er damit das Edeka-blau meint –, dann bleibt zum Thema Pragmatismus in der Lokalpolitik doch so einiges in der Schwebe, was Brandmauern und vielleicht auch Sympathien betrifft. Aber ein Teil der Dorfbewohner:innen zieht sich zum Finale bunte Siebzigerjahre-Sachen über: bunt statt blau. Hier schwingt dann eine Utopie und auch eine Haltung mit. Das Ganze ist also nicht unpolitisch auf der zweiten Ebene. Auf den ersten Blick aber Wohlfühl-Theater und die besagte große Umarmung. Im Endeffekt auch alles wunderschön märchenhaft angerichtet: scheinbar mit Leichtigkeit erzählt, aber dann doch so schwer – damit hat die Inszenierung eine schöne und sublim aktuelle Qualität.

Es ist ein großes Ensemblestück, wenn hier die Familiengeschichte, die Science-Fiction und die Filmcrew gemeinsam auf die Bühne kommen. Besonders haben István Kobjela gefallen, der die Figur des Opa Rodenwald sehr ernst nimmt, und auch die Arzt-Tochter Susanne von Leonie Mann, die ihrer Figur mit klarem Kopf gegen diese schlumpfig-politische Märchenwelt behauptet. In Bautzen fällt immer wieder auf, wie gut das Ensemble hier zusammengestellt ist und miteinander agiert. Beim Sommertheater haben alle eine wahnsinnige Erfahrung damit, was Bühnenpräsenz und Reaktionsfreude betrifft. Timing und Rhythmus sind extrem wichtig und auf den Punkt erspielt. Natürlich zählt hier die große Geste vor diesen 1000 Zuschauer:innen: Auch das klappt super.

Erschienen am 19.6.2026

teilen:

Assoziationen

Neuerscheinungen im Verlag

Theater der Zeit Cover Juni 2026
Theater der Zeit Cover Mai 2026 – Florentina Holzinger

Anzeige