Auftritt
Landestheater Salzburg: Hashtag trifft Häkeldeckchen
„Krach in Chioggia“ von Carlo Goldoni – Nuran David Calis, Bühne Anne Ehrlich, Kostüme Anna Sünkel, Musik Vivan Bhatti
Assoziationen: Theaterkritiken Österreich Salzburger Landestheater

„was ist in #chioggia los?“ lautet einer der vielen Kommentare in Social-Media-Manier, die in rascher Folge über eine Projektionsfläche am oberen Bühnenrand flimmern. Was bei Carlo Goldoni die Gassen des titelgebenden Hafenstädtchens als Umschlagplatz von Gerüchten und übler Nachrede waren, sind heute die sozialen Netzwerke. Insofern hat es durchaus seine Richtigkeit, wenn Nuran David Calis den Komödienklassiker ins Zeitalter von TikTok, Instagram und Co. beamt. Derlei Zeitreisen allerdings haben auch ihre Tücken. Setzt man Figuren aus der Vergangenheit in der Gegenwart aus, wirken sie dort schnell mal deplatziert.
Am Salzburger Landestheater findet sich Goldonis Lustspielpersonal aus dem 18. Jahrhundert in einem Großraumbüro wieder, das laut Programmheft einem modernen Coworkingspace nachempfunden sein soll (Bühne Anne Ehrlich), tatsächlich aber wie die in Pastelltöne getauchte Puppenstubenversion eines ebensolchen anmutet. Zartrosa, Cremegelb und Parfümerie-Douglas-Türkis sind die vorherrschenden Farben bei Mobiliar und Kostümen, wobei Letztere (von Anna Sünkel) Commedia-dell’Arte-Scheckigkeit wahlweise mit korrektem Büro-Chic oder kittelartigem Lagerarbeiter-Look kreuzen.
Damit gehen die Probleme dieser Inszenierung auch schon los. Goldoni stellte zwei amourös wie arbeitsmäßig miteinander verstrickte Fischer-Clans in den Mittelpunkt des Geschehens. In Calis’ Fassung sind daraus zwei familiengeführte Speditionsunternehmen geworden, die zwar ebenfalls mit Meeresfrüchten Geschäfte zu machen scheinen; das bonbonbunte Ambiente aber lässt eher an einen Süßwarenladen denken. Dieser Clash ist bezeichnend für eine Inszenierung, in der sich nichts recht zueinander fügen will – am allerwenigsten die Gegenwartsbehauptung der Regie zur nah an der Vorlage klebenden (und damit heute aus der Zeit gefallen wirkenden) Figurenzeichnung.
Zum Krach in Chioggia kommt es, weil Kühllasterfahrer Toffolo (Daron Yates mit Freddie-Mercury-Schnauzer und -Unterhemd) bei einem Abstecher ins Büro unbedacht mit zwei Frauen flirtet, die schon vergeben sind. Harmloses Geplänkel, das aber unweigerlich zu abenteuerlichem Tratsch und infolgedessen zu aberwitzigen Eifersuchtsdramen führt.
Dass bei Calis die Frauen die Firmenchefs sind und alle mit Handys hantieren, während sie scheißfreundlich lächelnd übereinander lästern, reicht leider nicht aus, um zeitgemäße Charaktere und ein dementsprechendes Gesellschaftsbild zu zeichnen. Die weibliche Hälfte des Ensembles sieht in den überwiegend minirockknappen Kostümkreationen aus wie einer Sixties-Sitcom entsprungen, einer Zeit also, in der man unverheiratete Frauen noch unwidersprochen „Fräulein“ nannte und das Wort „adrett“ als echtes Kompliment durchging. Die Herren der Schöpfung wiederum sind ehrpusselige Dumpfbacken, tendenziell unterbelichtet, oder wie Christoph Wieschke als Spediteur Toni vom jovial-onkeligen Charme eines Quizmasters der Generation Wim Thoelke (die Älteren unter uns erinnern sich).
Klar, Nuran David Calis sucht die Überzeichnung und das Spiel mit den Klischees, größtenteils aber tritt das zu reichlich Gefuchtel, Getrippel und Grimassieren angestiftete Ensemble diese nur platt. Da hilft es auch nichts, dass Calis immer wieder einzelne Figuren ihr Herz in Schlagereinlagen ausschütten oder mit bekenntnishaften Monologen aus der Handlung heraustreten lässt, um ausbeuterische Arbeitsbedingungen und andere Zumutungen des modernen Erwerbslebens zu beklagen. Außer unter der erbarmungslosen Social-Media-Gerüchteküche leiden hier alle auch unter Existenzängsten.
Einzig Sina Leinweber als Azubine Orsetta von Barbie-gleicher Erscheinung und der Motorik eines Aufziehpüppchens überdreht das Figurenklischee um die notwendige Vielzahl von Windungen, die es schließlich zum Platzen bringen und den ironischen Kern sichtbar werden lassen.
Zum Zugpferd des Abends war eigentlich eine andere auserkoren: Nina Proll, veritabler Film- und Fernsehstar in Österreich („Braunschlag“, „Hinterholz 8“ und viele mehr), am Salzburger Landestheater als Gast mit von der Partie. Als Firmenmatriarchin Pasqua mit konstant süßsäuerlichem Lächeln bleibt sie allerdings so blass wie ihr lindgrünes Business-Kostüm. Dabei hätte dieser „Krach in Chioggia“ eine ordentliche Portion Schmäh wie im Serienkracher „Vorstadtweiber“, in dem Proll brillierte, bitter nötig. Doch nichts davon. Ratlos fragt man sich: „was ist am #salzburger_landestheater los?“
Erschienen am 7.10.2026


















