Theater der Zeit

  • Dossier

    Inklusion

    Inklusive Theaterformen kommen zusehends im Mainstream des Theaters an. Bei den Salzburger Festspielen war 2023 erstmals mit „Der kaukasische Kreidekreis“ von Theater HORA und Helgard Haug eine inklusive Produktion beim Festival zu sehen, „Riesenhaft in Mittelerde“, eine Ko-Produktion vom Theater HORA mit dem Schauspielhaus Zürich, wurde zum Theatertreffen 2024 eingeladen und bereits seit 2020 gibt es im Ensemble der Münchner Kammerspiele zwei Schauspieler:innen mit körperlicher Beeinträchtigung und mehrere mit kognitiver.

    Welche Schritte müssen Institutionen tun, damit Inklusion wirklich gelingen kann? Welche strukturellen Probleme gibt es? Und welche erfolgreichen Modelle konnten schon gefunden werden? Unser Dossier versammelt Texte zum Thema.

  • Inklusion-Foto, bestehend aus Buchstaben-Keksen, die "Inclusion" als Wort bilden und bunten Büroklammern auf gelbem Hintergrund.
    Foto: atlascompany auf Freepik
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  • Open Access

    Ist das noch Theater?

    Der Text diskutiert, wie digitale und hybride Formate sowie die Covid-19-Pandemie das traditionelle Theaterkonzept (Liveness, Kopräsenz, Zusammenkunft) infrage stellen. Behinderte Künstler*innen entwickelten bereits vor der Pandemie alternative Strategien, blieben im Diskurs jedoch oft unbeachtet. Anhand der Beispiele Samara Editions und des Festivals Implantieren wird gezeigt, wie neue, modulare Theaterpraktiken Zugänglichkeit ermöglichen. Die Autorin plädiert für ein erweitertes, inklusiveres Theaterverständnis jenseits simultaner, ephemerer Aufführungen.

    Neu in dieser Diskussion seit der Pandemie ist laut der Theaterwissenschaftlerin Ramona Mosse, dass sich das Verständnis von »Liveness as Co-presence« zu »Liveness as participation« verschoben habe.

    von Yvonne Schmidt

  • „Sweet Spot“ von Harald Beharie.

    Bericht

    TdZ+

    Diversität als Festivaldramaturgie

    Das Festival Theaterformen 2026 inszeniert Freiheitsfantasien zwischen Zellentrakt und Stadtpark, lässt queere Familiengeschichten, Klassismuserfahrungen und Disability Arts aufeinanderprallen und bilanziert zugleich eine sechsjährige Leitung, die Inklusion als künstlerisches Prinzip verstand – ohne die politischen Konflikte zu glätten.

    von Jens Fischer

    Foto: Studio Abrakadabra

  • Open Access

    Zugänglichkeit: Ein Interview mit Anna Mülter

    Anna Mülter, seit 2021 Leiterin des Festivals Theaterformen, spricht im Interview mit Yvonne Schmidt und Celestina Widmer über Zugänglichkeit im Theater. Sie schildert, wie die Sophiensæle während der Pandemie Künstler*innen bewusst wenig Druck zum Streamen machten. Mülter reflektiert, wie sich kuratorische Praxis durch vermehrte Videoauswahl verändert hat, betont die Bedeutung von Reisen für Nachwuchskünstler*innen außerhalb Europas, vernetzt behinderte Künstler*innen international und fordert mehr sichtbare Teilhabe behinderter Künstler*innen im regulären Festivalprogramm statt nur in Disability-Arts-Nischen.

    Ich mache jetzt meine Proben komplett online, nicht wegen der äußeren Gründe der Pandemie, sondern weil ich es brauche. Weil mein Körper, mein chronisch kranker, behinderter Körper das anders gar nicht leisten kann und das Arbeiten auf diese Weise einfach viel barrierefreier für mich ist.

    Angela Alves

    von Anna Mülter, Celestina Widmer und Thubten Shontshang

  • Auf dem Foto sieht man eine Menschenansammlung an der großen schweizweiten Behinderten-Demonstration in Bern am 20. Juni 1981. Ein Mann im Hintergrund hält ein Transparent auf dem Schoß. Im Vordergrund des Fotos ist Ursula Eggli. Sie benutzt einen Rollstuhl und hat ein feministisches Symbol auf die Wange gemalt. Neben ihr sitzt die Behindertenaktivistin und Künstlerin Cornelia Nater. Das Foto wurde von der Fotografin und Aktivistin Helga Leibundgut gemacht. Sie war eine Bekannte von Ursula Eggli und Mitglied der Frauenbefreiungsbewegung FBB. (Schweizerisches Sozialarchiv, F 5110-Fc-102)
    Open Access

    Historische Perspektiven auf politisch-künstlerische Praktiken der Disability Culture entlang Ursula Egglis Arbeiten

    Celestina Widmer zeichnet anhand der Schweizer Schriftstellerin und Behindertenaktivistin Ursula Eggli (1944–2008) die historische Verwobenheit von künstlerischer Praxis und Aktivismus in der Disability Culture nach. Eggli setzte sich seit den 1970er Jahren für Rechte behinderter und queerer Menschen ein, gründete Vereine und schrieb Bücher, die Ausgrenzung und Gewalt thematisierten, zugleich aber utopische Gegenentwürfe wie das „Freakland“ entwarfen. Widmer verortet Egglis Werk im Kontext transnationaler Bewegungen und plädiert dafür, diese Geschichte des Kampfes nicht zu vergessen.

    Geschichten können doch nie zu Ende sein. Geschichten gehen unendlich weiter, wachsen und wuchern, treiben Blüten und Früchte oder auch Dornen und sie haben ihre Wurzeln in der unermesslichen Fülle der Zeit. Vielleicht dorren sie mal stückweise ab, aber bestimmt entstehen sie neu aus einem unbeachteten Samenkorn und bekommen dann ein wundersames Eigenleben.

    Ursula Eggli

    von Celestina Widmer

    Foto: Helga Leibundgut, Schweizerisches Sozialarchiv, F 5110 Fc 102

  • Ein Ganzkörperfoto von Remo Beuggert, einem weißen Mann mit Behinderung. Remo steht in einem hell erleuchteten Gang. Hinter ihm sind verschiedene Türen, teils offen, teils geschlossen. Remos Kopf ist leicht zur Seite geneigt und er schmunzelt. Seine Hände hat er in seine Hosentaschen gesteckt. Er hat graues gewelltes kurzes Haar und trägt ein schwarzes T-Shirt mit einem großen bunten Drachenaufdruck sowie schwarze Hosen und Sandalen. Foto: Ona Pinkus
    Open Access

    Eine Unterhaltung über das Reisen mit Remo Beuggert in Begleitung von Stephan Stock

    Remo Beuggert schildert Herausforderungen wie Sprachbarrieren, lange Reisen und fehlende Ruhetage, betont aber auch die Freude am Kennenlernen neuer Menschen. Er würde lieber fliegen, reist aus Umweltgründen jedoch meist mit dem Zug und hat gelernt, geduldig zu warten.

    Es gab eigentlich mehrere Reisen, die ich gerne gemacht habe. Aber die Number one wäre wohl die nach Amerika: New York. Das war das größte Highlight, seit ich beim HORA bin. Das war 2013, im November, mit Disabled Theater.

    Remo Beuggert

    von Stephan Stock, Thubten Shontshang, Nina Mühlemann und Remo Beuggert

    Foto: Ona Pinkus

  • Open Access

    Mobility Justice – who is allowed to travel? A roundtable

    Beim Runden Tisch zu Mobility Justice diskutieren Anna Mülter, Sven Heier, Nadine McKenzie, Saša Asentić und Dalibor Šandor, wer reisen darf und wer nicht. Sie zeigen: Reisen ermöglicht Austausch, Sichtbarkeit und Einkommen, ist aber ungleich verteilt – wegen Geld, Visa, Behinderung oder fehlender Infrastruktur, wie Saša Asentić am Beispiel von Per.Art in Novi Sad erläutert. Anna Mülter und Sven Heier berichten, wie Theaterformen und das Roxy versuchen, Ressourcen gerechter zu verteilen. Nadine McKenzie und Dalibor Šandor betonen zugleich den Wert lokaler Arbeit und digitaler Alternativen seit Corona.

    Sins Invalid’s practice is extremely important because it comes from their struggle for justice. What happens a lot in the performing arts market is that all political practices are being depoliticized.

    Saša Asentić

    von Sven Heier, Anna Mülter, Saša Asentić, Dalibor Šandor, Nadine McKenzie, Thubten Shontshang und Nina Mühlemann

  • Dancer Rudzani Moleya, a medium-toned black woman, wears a long mustard yellow tunic and has her hair pinned up. They are sitting in the distance within a white background. Their reflection ripples all the way in a thin line across the screen. The words »underwater and surfacing our soil« appear above her head. Alexandrina Hemsley: Fountain, 2022, image description taken from social media of the artist.
    Open Access

    Care, Community and Contingencies: Artistic Practices Rooted in Access

    Nina Mühlemann untersucht im Rahmen des SNF-Projekts „Aesthetics of the Im/Mobile" an der Bern Academy of the Arts, wie behinderte und chronisch kranke Künstler*innen mit Im/Mobilität umgehen. Sie interviewte zwölf internationale Künstler*innen und entwickelte dabei eine „crip methodology" mit flexiblen Interviewformen. Anhand der Fallstudien Alexandrina Hemsley und Angela Alves zeigt Mühlemann, wie Embodiment, Digitalität, Community, Crip Time und Zugänglichkeit künstlerische Praxis prägen. Die Covid-19-Pandemie machte bestehende Arbeitsweisen behinderter Künstler*innen sichtbar und stellte Fragen nach kollektivem Zugang und institutioneller Unterstützung neu.

    The Disability community is magical but elusive: rarely is it as straightforward as marching with other self-identified crips through a city, sequined outfits glistening in the sunshine, disability pride slogans taped onto mobility aids. Sometimes it is lying on a sofa in Zurich, Switzerland, chatting on Zoom to a fellow disabled artist in London, who is lying on their sofa, snacking on Nori chips.

    Nina Mühlemann

    von Nina Mühlemann

    Foto: Alexandrina Hemsley

  • Die Fotografie zeigt Irene Giró und Fia Neises. Die zwei Performer*innen von WITH OR WITHOUT YOU. Beide sind weiß und behindert. Beide werden weiblich und nicht-behindert gelesen. Irene hat braune, dichte, lange Locken und ist feingliedrig. Fia hat dunkelblondes, glattes, ohrlanges Haar. Ihr Körper ist größer und weicher als der von Irene. Die Fotografie zeigt beide im weißen „Silk“. Ein 14 Meter langes Tuch, das in der Mitte an der Decke aufgehängt wird. Die beiden Enden hängen schwer bis zum Boden und die Protagonist*innen wickeln, klettern, schwingen, hängen und halten sich darin. Fia ist blind und hat Irene gefragt, was sie auf dem Bild tun. Dann haben sie sich erinnert: Irene: Wunderschön. Alles wirkt ein wenig wie eine Hochzeitseinladung. Viel weißer fließender Stoff und Sinnlichkeit. Xenia hat zwei Bilder schemenhaft übereinandergelegt.  Fia: Welche? Irene: In dem Moment auf dem hinteren Bild sind wir beide auf der weichen Matte, eng zusammen und beide im Kontakt mit dem Silk.  Fia: Ich erinnere mich. Der Moment war ruhig. aber sehr schön. Ich habe mit meiner Hand versucht nachzuvollziehen, wie deine Hand oben das Silk anfasst. Dein Arm reichte nach oben und dein Gesicht war sehr zuhörend und spürend Richtung Boden geneigt. Du hattest es auf meinem aufgestellten Bein abgelegt.  Irene: Ich sehe deine Hand an der Wurzel von meinem Arm. Außerdem die Krone von deinem Kopf mit den hellblonden Strähnen, die fast meinen Rücken berührt. Mein Kopf verschwindet hinter dem linken Silk. Das andere Silk ist rechts daneben. Es ist genauso gespannt wie das linke Silk, weil es von deiner Hand nach unten gezogen wird. Darüber liegt das Bild von uns beiden im Kokon.  Fia: Wenn wir uns ganz im Silk verstecken. Beide Körper in einer Kugel. Gehalten von einem stabilen Knoten unter unserem Kokon.  Irene: Das Bild zeigt nur unsere Hände, die sich in einer Berührung vorsichtig aus einem Spalt im Kokon wagen. Der Kokon mit unseren Händen liegt blass, wie eine Erinnerung, über unseren beiden rastenden und tastenden Körpern.
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    Behindert künstlerisch leiten

    Acht Monate nach der Premiere von WITH OR WITHOUT YOU reflektiert Sophia Neises (Fia) über ihre künstlerische Leitungsarbeit. Sie fragt sich, ob sie und ihr Team eine Utopie ohne die Gegensätzlichkeit von behindert/nicht-behindert schaffen konnten. Fia beschreibt ihren Werdegang als behindertes Kind, ihr Theaterpädagogikstudium und ihre Dreifachrolle als Performerin, Ableismus-Beraterin und Access-Dramaturgin. Sie thematisiert erlebten Ableismus in Institutionen und die eigene Auseinandersetzung mit der Frage, ob und seit wann sie sich als Künstlerin bezeichnet.

    Ich habe die drei Berufsfelder Performerin, Dramaturgin und Beraterin für Ableismus – in allen inhärent Aktivistin – für mich festgelegt und erstmals klar benannt. Selbstverständlich sind die Abgrenzungen zwischen den Berufsbezeichnungen nicht immer trennscharf, aber es hilft Arbeitgeber*innen gegenüber, realistischere Erwartungen an mich zu stellen.

    Sophia Neises

    von Sophia Neises

    Foto: Xenia Dürr

  • Open Access

    Methodik crippen oder das generative Potenzial von Conundrums

    Nina Mühlemann reflektiert im letzten Beitrag über methodische Herausforderungen ihrer Forschung zu behinderten Künstler*innen im Theater, die sie mit Carrie Sandahls Begriff der »representational conundrums« fasst. Statt Lösungen zu präsentieren, beschreibt sie ungelöste Fragen: Auswahl der Künstler*innen jenseits des eigenen anglo-/deutschsprachigen Netzwerks, fehlende Bezahlung für Interviews, Schwierigkeiten der Sparteneinteilung (Performing Arts), Machtdynamien zwischen behinderten und nicht-behinderten Ensemblemitgliedern sowie Sprach- und Dolmetschprobleme. Diese Conundrums begreift sie als produktiv, nicht als zu lösende Probleme.

    Let us spend uncomfortable time with representational conundrums, generate possibilities, experiment with options, make informed choices, and take responsibility for the outcomes – fail and try again. Theater people know how to do these things; they are basic to our training, and we should apply them deliberately to issues of disability in our work.

    Carrie Sandahl

    von Nina Mühlemann

  • Open AccessFotostreckeAudio

    Crip Ripples oder der Krüppel-Welleneffekt

    Die Autorin identifiziert sich selbst als behinderte Tänzerin. Sie lädt behinderte Menschen dazu ein, mit ihrer Anleitung den eigenen Körper und seine Bewegungen zu erleben – auf spielerische, lustvolle Weise. Grundlage ist das Konzept »Pleasure Activism«, also Aktivismus mit Lust: Behinderung wird darin nicht nur als Herausforderung verstanden, sondern als Quelle von Freude, Erotik und Lebendigkeit. Zudem thematisiert Erhart die Selbstbeschreibung »Crip«, mit der Betroffene ihre eigenen Fähigkeiten erkennen und sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung behinderter Menschen wehren. Die Anleitung selbst gliedert sich in drei rund zehnminütige Teile, die per Audio-Link vorgelesen werden.

    Behinderung ist in dem Konzept nicht nur eine Herausforderung. Behinderung ist eine Quelle von Freude, Erotik und Lebendigkeit.

    Tanja Erhart

    von Tanja Erhart

  • Spiel mit (Sprach-)Bildern: „Winterreise“ in der Regie von Zino Wey am Schauspiel Dortmund. Foto Birgit Hupfeld

    Auftritt

    TdZ+

    Schauspiel Dortmund: Funkelnde Tränen

    „Winterreise“, Ein multisensuales Poem nach dem Stück von Elfriede Jelinek in einer Fassung von Zino Wey und Ensemble – Regie und Bühne Zino Wey, Kostüme Pascale Martin, Musik Lukas Huber

    von Sascha Westphal

    Foto: Birgit Hupfeld

Neuerscheinungen im Verlag

Theater der Zeit Cover Juni 2026
Theater der Zeit Cover Mai 2026 – Florentina Holzinger

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