Bericht
Die Kunst der Widersetzlichkeit
Das Internationale Figurentheater-Festival Blickwechsel 2026 in Magdeburg
von Anke Meyer
Assoziationen: Puppen-, Figuren- & Objekttheater Sachsen-Anhalt Dossier: Festivals Puppentheater Halle

„[…] Kunstfreiheit ist kein Luxusartikel für ruhige Zeiten. Sie ist ein Grundnahrungsmittel der Demokratie. […] Eine Kulturpolitik, die Kunst nach Herkunft, Nützlichkeit oder nationaler Brauchbarkeit sortieren will, schützt keine Kultur. Sie beschädigt sie. Sie macht die Kunst nicht größer. Sie macht unsere Welt kleiner.“
Diese Sätze aus der Begrüßungsrede von Sabine Schramm, Intendantin des Puppentheaters Magdeburg, zum Auftakt des Internationalen Figurentheater-Festivals Blickwechsel sind leider nicht als Selbstverständlichkeit oder offensichtlicher gesellschaftlicher Konsens abzutun. Diese Art kulturpolitischer Positionierung ist noch nie notwendiger gewesen als jetzt, angesichts der Bedrohung von Kunstfreiheit durch die Anmaßung einer als rechtsextremistisch eingestuften Partei, die in Sachsen-Anhalt aktuell Mehrheiten für die anstehende Landtagswahl organisiert und bereits ein „Regierungsprogramm“ veröffentlicht hat. Kulturpolitisch plant die AfD eine „patriotische Wende“, ausdrücklich orientiert am Modell des nun abgewählten Viktor Orbán in Ungarn.
Dieser kulturpolitische Kontext, dieses Bedrohungsszenario bleibt während des Magdeburger Festivals, das nach vier Jahren Pause und der Verabschiedung des langjährigen künstlerischen Leiters Frank Bernhardt von einem Dreierteam – Anja Michaelis, Sophie Neu und Miriam Locker – verantwortet wird, immer präsent. Das Programm mit seinen ästhetisch wie thematisch diversen, deutschen wie internationalen Theaterproduktionen und studentischen Projekten ist vielfältig, es gibt Raum für Debatten z. B. über autonome Puppen oder über fluide Formen, ebenso für eine ukrainisch-polnisch-französische Masterclass und verschiedene Werkstätten. Können sich die figurentheatralen Befragungen von Welt im Zweifelsfall als resilient erweisen? Ist ästhetische und gedankliche Widerborstigkeit zu spüren?
Ambivalenz des Sammelns
Die Uraufführung „Atlas of Sounds/Waldstille“ – Magdeburger Version eines sich seit 2016 immer weiter entwickelnden Projekts des polnischen Performers Ludomir Franczak – setzt sich in den Gruson-Gewächshäusern mit den Ambivalenzen von Sammelleidenschaft auseinander. Bereits die im Eingangsparcours zwischen Kakteen, Palmen und anderen Pflanzen zu entdeckenden Textaufsteller mit Fragen wie: „Wird durch Sammlungen Wissen vermittelt oder werden Narrative weitergegeben?“ oder „Welches sind die wahren Namen der Pflanzen?“ verweisen auf den kolonialen Zusammenhang, in dem eine große Sammlung exotischer Pflanzen in einem nordostdeutschen Gewächshaus (und jedem anderen nordeuropäischen) zu verorten ist. Das Farnhaus, in dem riesige Farne mit künstlichen Felsen, Wasserfall und -becken bereits zu einem dramatisch-romantischen „Natur“-Arrangement gefügt sind, bietet dann den perfekten Rahmen für den zentralen Teil der Inszenierung: eine Lecture über imaginierte, von jeder Sammlung durch ihre Provenienz zu denkende Atlanten, mittels einander irritierend überlagernder Bilder von Pflanzenteilen und Landschaften, gesprochener und projizierter Texte und eines fast schmerzhaft kreischenden bis zarten Klangtohuwabohus von (vorgeblich auf der Suche nach der Stille der Natur dokumentierten) Pflanzentönen.
Diese Auftragsarbeit des Blickwechsel-Festivals versucht zudem, die im 19. Jahrhundert vom Industriellen und versierten Pflanzensammler Hermann Gruson gegründeten, heute städtischen Gewächshäuser in Beziehung zu Fundus und Museum des Puppentheaters zu setzen – also einer Sammlung von Theaterpuppen. Ausgewählt wurden zwei Hänsel- und Gretel-Figuren. Das geschickt in den Eingangsparcours integrierte Märchen, diese berühmte Geschichte von aus Not im Wald ausgesetzten Kindern, bietet zu Beginn einen narrativen Faden, der sich aber in Franczaks Performance-Lecture zu unserer von Kultur, Wissensvermittlung und Machtverhältnissen geprägten Wahrnehmung von „Natur“ letztlich verliert – wie der Weg der Kinder im Wald.
Garagen, Container und Miniaturen
Entstanden aus Interviews mit Chemnitzer Garagenbesitzerinnen (Text-Collage Peggy Mädler), zeigt sich auch die Produktion „Und über uns der Große Wagen“ des Figurentheaters Chemnitz in der Regie von Julia Brettschneider eng verbunden mit dem Inspirations- und ursprünglichen Veranstaltungsort: einem Garagenhof in Chemnitz, im Rahmen des großen Kulturhauptstadt-Projekts #3000 Garagen. Was dort auf einem lost place mit DDR- und stadtspezifischer Geschichte neue Perspektiven auf verlorene gemeinsame Räume und überforderndes Erbe evoziert haben mag, verheddert sich, aus dem Kontext gerissen, in der lauschigen Magdeburger Hinterhof-Kulisse. Dennoch boten die Vorstellung und das finale Bankett, zu dem das Publikum vom Ensemble an flugs aufgestellte Tapeziertische gebeten wurde, eine einzigartige Gelegenheit für spontane und kontroverse Diskussion mit Zufallsnachbar:innen, eine temporäre Gemeinschaft …
… und erlaubten so einen besonderen Abschluss eines besonderen Theaterabends, der bereits drei kurze Vorstellungen früher begonnen hatte. Dieser vorangegangene Miniaturen-Parcours unter dem Motto „Die Dinge und wir“ war so komisch, selbstironisch und umwerfend unnütz erfinderisch („BatschBatschBatsch“, Epp/Rüss/Vetter)[1], so intelligent national unbrauchbar im Oszillieren zwischen Ding, Denken und Erspüren („À la Carte“, Golden Delicious) und so berührend von falscher Herkunft in seinen zarten Andeutungen von Liebe und deutscher Gewalt („fly with u“, Akira Schroth), dass die Kurzstücke einzeln und in Serie als unterstützendes künstlerisches Argument für die oben zitierte Eröffnungsrede fungieren könnten. Nebenbei waren sie alle stimmig in die charmanten Räume des Insel Theaters programmiert.
Gleich einen eigenen mobilen Veranstaltungsraum, sozusagen ein tiny theatre, schuf sich das Puppentheater Magdeburg bereits 2022 für Miriam Lockers auf Interviews und kurzen Texten des Dichters Ronald M. Schernikau basierendes Stück „Das schönste Land der Welt“: In einem Container findet das „Miniaturtheater über Deutschland, DDR und BRD“ für vier Zuschauer:innen statt. Mit winzigen Figuren und Objekten – wie zwei verschiedenen Campinggespannen, die sich über eine trennende Linie hinweg aufeinander zubewegen, und man weiß nie, ob bedrohlich oder für eine gemeinsame Reise – werden an einer fein gedeckten Kaffeetafel ikonische Situationen der Wendejahre anschaulich. Regisseur Leonhard Schubert und den alternierenden Darsteller:innen-Duos gelang in diesem sehr intimen und dennoch unaufdringlichen Setting ein gleichermaßen distanzierter wie nahbarer und überraschend poetischer Rückblick auf das „Land, das zur Strafe für seine Vergehen in zwei Teile geteilt wurde“.
Mit Flachfiguren und einer gewitzten Interpretation des altbekannten theatrum mundi rückt die junge tschechische Formation um Dominik Migač Alltagsszenen aus der sozialistischen Tschechoslowakei ins Rampenlicht ihrer kleinen Bühne. „Loops & Hoops“ macht mit seriellen Figuren und Sequenzen damaligen(?) Anpassungsdruck und Individualitätsdrang ebenso sinnfällig wie die unausweichliche Komik im Pathos groß inszenierter Massenszenen („Spartakiade“). Nicht nur Rückblick, auch Ausblick auf heutige und kommende Inszenierungen politisch konnotierter Weltspiele mit Namen WM oder Olympiade.
Beredte Zwischenräume
Und noch einmal zurück zum Mittel Interview, das zumindest indirekt die Inszenierung „Guten Morgen, du Schöne!“ vom Puppentheater Halle mitbestimmt. Claudia Luise Bose, die für ihre Regiearbeit fünf der 19 Monologe von DDR-Frauen aus Maxie Wanders 1977 erschienenem gleichnamigen Kultbuch ausgewählt und behutsam gerafft hat, setzt erfolgreich auf die beredten, manchmal irritierenden Zwischenräume, die sich bei der gewählten Figurentechnik des Bunraku[2] ganz prononciert ergeben: zwischen gesprochenem Text und abweichender Handlung, zwischen heftig monologisierender Solo-Puppe und fast unmerklicher, zugleich deutlich gestalteter Verständigung der drei Spielerinnen untereinander, zwischen extrem cleanem weißen Bühnenbild/Kostümen und den ausdrucksstarken Gesichtern und strubbeligen, farbigen Haaren der Puppen, die uns immer wieder direkt ansehen und ansprechen. Und dabei so gar nicht von gestern wirken, sondern sehr frisch, sehr heutig (leider) und eigenwillig mit ihren fast fünfzig Jahre alten Monologen über weiblichen Berufsalltag, Männer, Kinder, Hausarbeit, Pflege, Gewalt, Politik, Eingesperrtsein, Lust und Frust …
So sehr Maxie Wanders Text über die Zeiten hinweg seine Wirkung entfaltete, waren es ansonsten nicht unbedingt die diversen zu Collagen verschnittenen Interviews, die auf diesem Festival neue Sichtweisen, speziell auf DDR-Biografien und Wendezeit provozierten. Es war eher die Reibung teils erwartbarer Äußerungen mit der visuellen Ebene. Es war die Notwendigkeit, bei den Miniaturformaten sehr genau hinzuschauen, um die angespielten Konstellationen und Schauplätze dieses Landes, in dem die Begegnung zwischen den seit 36 Jahren vereinigten Teilen noch immer von Missverständnissen, Ablehnung und Unwissen verstellt wird, zu erkennen und zu spüren. Es waren Momente, wie die hochverdichtete Viertelstunde, in der Akira Schroth asiatische DDR-Migrant:innengeschichte, Liebesgeschichte und rassistischen Nachwendeterror lakonisch und leise antippt und visuell präzise kommentiert, die nicht nur neue Blickwinkel zu erschließen, sondern auch überraschende emotionale Erkenntnisse auszulösen vermochten. Und beides brauchen wir, es macht unsere Welt größer und stärkt unseren Widerspruchsgeist.
Dieser Artikel ist in redaktioneller Zusammenarbeit mit Fidena entstanden.
[1] Die Autorin unterrichtet als Lehrbeauftragte an der HMDK in Stuttgart, wo diese Inszenierung als Examensarbeit entstanden ist.
[2] Anmerkung aus einem der Festivalgespräche zur Bunraku-Führungstechnik: „Drei große Personen, die sich um eine kleine kümmern, damit sie sich um andere kümmern kann“.
Erschienen am 16.6.2026

















