Theater der Zeit

Auftritt

Schauspiel Leipzig: Lasst uns einen Kirschbaum pflanzen!

„Das Vermächtnis“ von Matthew López – Regie Enrico Lübbe, Bühne Katrin Nottrodt, Kostüme Sabine Blickenstorfer, Musik Bert Wrede

von Stefan Petraschewsky

Assoziationen: Theaterkritiken Sachsen Dossier: Queeres Theater Enrico Lübbe Schauspiel Leipzig

Wenzel Bannemeyer und Julius Forster in „Das Vermächtnis“ in der Regie von Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig
Wenzel Bannemeyer und Julius Forster in „Das Vermächtnis“ in der Regie von Enrico Lübbe am Schauspiel LeipzigFoto: Rolf Arnold

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Ist das Hybris? Wenn Enrico Lübbe im 14. und letzten Jahr seiner Leipziger Intendanz eine siebenstündige Aufführung mit dem Titel „Das Vermächtnis“ auf die Bühne bringt?

Das Stück von Matthew López erzählt von schwulen Männern in New York und spielt am Ende der Obama-Ära – Trump, dessen Name aber nicht fällt, und seine homophobe Politik versprechen schlechte Zeiten. Die es auch schon mal in den 1980er Jahren gab. In Rückblenden geht es um AIDS, um Tod und gesellschaftliche Ausgrenzung. Im Zentrum der Handlung steht der „gut aussehende“ Eric (Julius Forster), der in einer Beziehung mit dem aufstrebenden Theaterautor Toby (Nicolas Streit) lebt. Der aber trennt sich wegen seiner Gefühle für den angehenden Schauspieler Adam (Niklas Wetzel). Parallel befreundet sich Eric mit dem alten Walter – und kommt nach dessen plötzlichem Tod mit Walters früherem Lebenspartner Henry (Wenzel Banneyer) zusammen, einem Milliardär, der „Geschäfte mit den Saudis“ macht und immer eine Wohnung in New Yorker Bestlage frei hat; der aber seine Einsamkeit nicht mehr aushält und Eric deswegen einen Heiratsantrag macht. Eric willigt ein. Zur Hochzeit erscheint der versetzte Toby mit Brautkleid und macht Skandal; solche Grenzüberschreitungen sind bei ihm aber immer auch ein Quell für die Kunst.

Zu diesen vier Protagonisten kommen noch Henrys Söhne. Sie sind primitive Abziehbilder seiner selbst und wohl auch eine Anspielung auf Donald Jr. und Eric Trump. Dazu kommt auch der Strichjunge Leo, der in guten Momenten lesehungrig in die Welt der Literatur abtaucht. Insgesamt treten elf Männer auf. In dieser schwulen Community hat irgendwann jeder mit jedem zu tun. Und alle suchen nach dem großen Glück hinter den Glitzerfassaden von New York.

Man kann das alles naturalistisch erzählen – Wolkenkratzer hinter Gardinen zeigen und detailverliebt Möbel und Nippes auffahren, wie es die Münchner Inszenierung von Philipp Stölzl tat, die 2023 zum Theatertreffen eingeladen war. Regisseur Enrico Lübbe und Bühnenbildnerin Katrin Nottrodt machen das Gegenteil, verweigern sich einer illusionistischen Bebilderung und wählen ein Setting wie für eine Theaterprobe mit ein paar Tischen und Stühlen. Später kommen hier ein Sessel, dort ein Sofa und auch ein Bett hinzu, allerdings immer nur dezent und zeichenhaft. Lübbe und Nottrodt lassen die Bühne als Bühne wirken, erweitern sie sogar um eine Vorderbühne in den ersten drei Parkettreihen und setzen nur auf das Licht (Veit-Rüdiger Griess) als Gestaltungsmittel. Dazu sind überall Metallgestänge samt technischer Begleitapparatur aufgebaut. Züge fahren aus dem Schnürboden auf und ab, die Generationen von Scheinwerfern tragen und so ein Abbild dieses Generationenstückes sind. Atmosphäre, Gefühlsstimmungen, auch ein Orgasmus – alles wird in Licht übersetzt, vom Einzelspot bis zum anschwellenden Lichtgewitter. Das trägt erstaunlich gut über sieben Stunden.

Lebensgeschichten und großes Spiel auf leerer Bühne – „Das Vermächtnis“Foto: Rolf Arnold
Als einizige Frau auf der Bühne: Katja Gaudard in „Das Vermächtnis“Foto: Rolf Arnold

Die karge Bühne gibt Raum für die Schauspieler, die umso mehr glänzen können. Die großen Monologe, die Walter, Henry oder Eric, und zum Schluss auch Katja Gaudard, die die einzige Frau im Stück ist und hier als Putzfrau alles wieder in Ordnung bringen will, wie eine Brünnhilde am Ende der „Götterdämmerung“ – diese Monologe sind psychologisch so fein gearbeitet, dass es wirkliche Sternstunden sind. Dirk Lange stellt uns einen Walter vor, der eine Viertelstunde lang mit verschränkten Armen auf der Bühne still stehen bleibt, und beweist, wie sparsamste Gesten einer Figur maximale Kontur geben können. Wenzel Banneyer spielt die Weltgewandtheit seiner Figur so in sich verkantet und widersprüchlich, dass der eigentliche Motor offenbar wird, der die Figur zum Handeln antreibt: der Wunsch nach emotionaler Anerkennung.

In dieser Konzentration auf das Schauspiel zeigt die Inszenierung, wie es in der Seele der Protagonisten aussieht. Sie zeigt aber auch, wie gefährlich es sein könnte, wenn jemand sein Herz ausschüttet, denn oft sitzen alle anderen mit auf der Bühne und lauschen den Geschichten mit spitzen Ohren wie gut abgerichtete Dobermänner, immer auf dem Sprung, zuzubeißen. Obwohl sie das nie tun, entsteht so ein Klima der Angst.

Das andere und zentrale Herz dieser Inszenierung ist ein Haus, das Henry und Walter außerhalb der Stadt auf dem Land besitzen. Vor allem für Walter war es ein Sehnsuchtsort. Das Haus existiert bereits seit dem 18. Jahrhundert und hat einen großen, uralten Kirschbaum mitten im Garten. Schon George Washington habe ihn gesehen, heißt es. Lübbe nimmt dieses Haus zum Anlass, die wohl größte Idee der Menschheit ins Spiel zu bringen: ein produktives, friedliches Miteinander. Lübbe hat seine letzte Spielzeit mit dem Motto „Wir-Gesänge“ überschrieben. Sie wolle „nach gesellschaftlichen Zugehörigkeiten, Konflikten, Sehnsüchten und Widersprüchen“ fragen. „Das Vermächtnis“ ist dafür eine gute Wahl.

„We the People“, heißt es ja schon in der Verfassung der Vereinigten Staaten, deren 250. Gründungsjubiläum quasi den Spielzeitbeginn markiert. Am 4. Juli 1776 wurden die USA gegründet. Bei Lübbe ist das Haus in der Inszenierung permanent als Kirschblütenregen präsent, der aus dem Schnürboden fällt, immer wieder, oft nur als Nieselregen – aber einmal auch ganz heftig, genau in der Mitte der Aufführung. Da steht Eric inmitten roten, rosa und weißen Konfettis, und dazu treten zwei Dutzend Männer auf, stellen sich im Kreis auf und stellen sich mit ihren Vornamen vor. Alle tragen Jeans und ein weißes T-Shirt. Das heißt natürlich: We, the People, sind hier alle wieder gleich. Walter hat uns hier ein Zuhause gegeben. Oft war es wegen AIDS auch eine Art Hospiz. Und die Asche der Toten wurde dann unter dem Kirschbaum verstreut. Das ist fast schon kitschig, so eine schöne Utopie.

Dann geht es in die einstündige, lange Pause im Stück. Danach hören wir weiter zu, wie sich die Geschichten immer mehr verästeln und verzweigen. Wer nah an der Bühne sitzt, kann erkennen, dass auf das Hochzeitskleid, das Toby trägt, lauter kleine Pailletten in Weiß und Rosa gestickt sind: wie die Kirschblüten am Baum gleich neben dem Haus. Da findet sich die große Utopie also auch bei Toby, nur kleiner. Die Kostüme von Sabine Blickenstorfer sind jedenfalls eine Augenweide und charakterisieren die Figuren, ohne dick aufzutragen.

Am Ende vergehen die sieben Stunden nicht wie im Fluge, aber es ist nie langweilig. Es ist, als ob man nach dem Heute-Journal noch eine neue Serie guckt und nicht aufhören kann, bis die Sonne wieder aufgeht. Eric darf am Schluss das Haus, diesen Sehnsuchtsort, betreuen und pflegen. Und Henry, der milliardenschwere Dealmaker, gibt sich geläutert. Er habe so viel Zeit verschwendet, sind die letzten Worte auf der Bühne. Lasst uns also einen Kirschbaum pflanzen! Das ist Lübbes „Vermächtnis“.

Erschienen am 5.10.2026

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