Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: »Daidalos. Torso« von Gerd Knappe (01/1992)
Überflüssig? Man kommt nicht drumherum: Wann, wo immer und zu welchem Anlaß von Kinder- und Jugendtheater die Rede ist, man muß es legitimieren. Wer gar bekennt, eben dort seinen künstlerischen Interessen und Ambitionen nachzugehen und Broterwerb zu suchen, wird oft sehr schnell mit eben dem nämlich mitleidigen Blick des wohlwollenden Ermunterns bedacht werden, den die Kinder so gut kennen, wenn er ihnen signalisiert: Seid lieb, seid lustig, seid brav, denn Ihr seid unvollständig. Kinder sind die Amateur-Menschen unter den Erwachsenen. Nichts anderes ist der Kinder- und Jugendtheatermacher für den richtigen Theatergänger, für den richtigen Kritiker, den richtigen Theatermacher, den richtigen Theaterwissenschaftler und den richtigen Subventionsgeber.
Einer, der das neue Kinder- und Jugendtheater mit seinen Stücken ins Leben gerufen hat und wesentlich prägte, Volker Ludwig vom Grips-Theater in Berlin, beschrieb kürzlich seine Erfahrungen als Autor für diese Sparte in einem Interview:
»Ich bin noch nie so viel gelobt worden als zu der Zeit, wo ich anfing, Kindertheater zu machen. Ich lief in West-Berlin mit einer schiefen linken Schulter rum, auf die ich immer geklopft wurde, weil es so unendlich wichtig ist, was ich mache, und so gut, und so, das muß sein, und das ist toll, und das brauchen wir jetzt, und das vor allem von den großen Autoren, die für Fernsehen, Funk und Erwachsenentheater schrieben, indem sie sagten, das können wir gar nicht. Und später beim Saufen fingen sie dann an zu fragen, sag mal, wie hältst Du das denn aus, Dich so zu kastrieren für solche Kinder...«
Es sind also nicht nur die geringen Tantiemen schließlich zahlen Kinder sehr viel geringere Eintrittspreise als das Publikum des Erwachsenentheaters, denn bekanntlich lebt der Autor vom Prozentualanteil der Vorstellungseinnahme - es ist auch sein Leumund, der viele gute potentielle Autoren vom Kinder- und Jugendtheater fern hält. Dieses Theater kommt ihnen erst gar nicht in den Sinn. Oder zu groß ist bei ihnen immer noch die Sorge, daß in diesem Spezialtheater der Autor nichts anderes sein soll als ein didaktischer Dialogisierer, der Autor als Erzieher oder der Autor ein Szenen-Dichter, der mit hutzig-putzigen Geschichten und Moralitäten unvollständige Menschen beglücken soll. (Und viele von ihnen bestätigen mit ihren pädagogischen Pedanterien und Lustigkeitslügen dieses Autorenbild. Denn das Kinder- und Jugendtheater gilt noch oft genug als künstlerischer Tummelplatz für den Gelegenheitsdramatiker.)
An dieser Situation seines Rufes ist das Kinder- und Jugendtheater nicht ganz unschuldig. Es mußte sich über Jahrzehnte so besonders, so sparten- und zielgruppenhaft, so kindheitsweltspezifisch, so anders als das andere Theater darstellen, wenn es überhaupt von staatlichen Geldgebern und der kulturellen Öffentlichkeit registriert werden wollte; aber auch dies: Wenn es gelingen sollte, die Kinder zuhauf mit ihren Eltern, Lehrern und anderen Erwachsenen überhaupt ins Theater zu locken. Im richtigen, dem Erwachsenentheater war die Tür für Kinder und zum Teil auch für Jugendliche nur zur Weihnachtszeit breit geöffnet; sonst waren Kinder eher unerwünscht (und sind sie es nicht auch heute noch?).
Im Weihnachtsmärchen machten dramatisierende Hausdramaturgen ihr monetäres Glück mit einem zumeist zweifelhaften Theatervergnügen für die jungen Zuschauer. Im neuen Kinder- und Jugendtheater konnten diese dagegen als willkommenes Publikum ihre Erfahrungen mit Theater ernsthaft und selbst ernstgenommen ganzjährig machen.
Unter denen, die beruflich dieses Theater betreiben, ist eines gewiß: Kinder brauchen Theater! Dieser Slogan einigt alle, während um alles andere, was denn nun Kinder- und Jugendtheater sei, nach wie vor heftigst gestritten wird. Antinomien bestimmten noch jüngst auf Symposien, bei Tagungen und Autorenwerkstätten die Diskussion: Poesie oder Pädagogik; Märchen- oder Themenstücke; Kindertheater für Kinder oder Kindertheater für alle Menschen und so weiter.
Eines scheint heute sicher: Kindertheater und Jugendtheater wird immer ein Theater bleiben, das sich mit der Kindheit und Jugend eines Publikums auseinanderzusetzen
hat. Das bedeutet auch, Zeit und Gesellschaft seines Publikums aktuell im Blick zu haben. Das Kinder- und Jugendtheater ist daher mehr denn je und entschiedener als das Erwachsenentheater ein Uraufführungstheater, ein Aktualitätentheater seiner Zeit, ist Gegenwartstheater. Aber es muß auch ein Experimentiertheater der ästhetischen Ausdrucksformen sein angesichts des rapiden Wechsels der Wahrnehmungsweisen und Wahrnehmungsgeschwindigkeiten von heutigen Kindern und Jugendlichen. Jedenfalls sind das Anforderungen, durch deren Verfolgung und Erfüllung das Kinder- und Jugendtheater sich gegenüber dem anderen, dem Erwachsenentheater nur als besondere Sparte wird behaupten können. Ein solches Theater ist immer wieder auf neue Autoren angewiesen, die in der Lage sind, sich dem jungen Publikum ästhetisch und inhaltlich innovativ zu stellen. Ansonsten ist Kinder- und Jugendtheater nichts andere? als Theater - es legitimiert sich wie alle Kunst: im Uberflüssigsein.
Jörg Richard















