Auftritt
Staatsoper Unter den Linden: So ist der Wille der Regie
„La Vestale“ von Gaspare Spontini, Text von Étienne de Jouy – Musikalische Leitung Carlo Rizzi, Inszenierung Lydia Steier, Bühne Etienne Pluss, Kostüme Katharina Schlipf, Video Etienne Guiol
Assoziationen: Berlin Theaterkritiken Musiktheater Lydia Steier Staatsoper Berlin

Etwa zehn Minuten, nachdem der zweite Akt von „La Vestale“ von Gaspare Spontini (1774–1851) begonnen hat, erklingt es: das Motiv, das Musikgeschichte geschrieben hat. Eine markante Dreitonfolge – bestehend aus einem absteigenden Halbton und einer aufsteigenden kleinen Terz. Der junge Richard Wagner fand dieses Motiv so faszinierend, dass er es sich notierte und später in leicht abgewandelter Form als Leitmotiv für seine eigenen Musikdramen verwendete. Die nächtliche Szene im zweiten Akt von „La Vestale“, in der die Priesterin Julia die heilige Tempelflamme hütet und auf ihren Geliebten Licinius wartet, wird so zum direkten Vorboten für den Beginn des zweiten Aktes von Wagners „Tristan und Isolde“, wo es ebenfalls um das (symbolische) Löschen einer Flamme geht. Mehr noch: Das Motiv spielt auch eine Rolle in der „Walküre“. Zudem ließ sich Wagner (und nicht nur er) von Spontinis monumentaler Orchesteraufstellung, den musikalischen Raumwirkungen (Fernorchester) und den gewaltigen Chortableaus für seine Oper „Rienzi“ und spätere Werke inspirieren. In heutigen Zeiten hätte er einen mächtigen Plagiatsprozess an der Backe. Sei es drum: Wagner wurde berühmt. Spontini kennt heute keiner mehr. Dabei kannte ihn zu Lebzeiten tout Paris. Als Kammerkomponist der Kaiserin Joséphine (der Ehefrau Napoleons) wurde er dort persönlich von ihr protegiert. Mit „La Vestale“, die am 15. Dezember 1807 in Paris uraufgeführt wurde, gelang ihm der Durchbruch. Wie kein anderer hatte er den monumentalen, klassischen Zeitgeist des napoleonischen Frankreichs getroffen. Mehr als 200 Aufführungen folgten. Begeistert von Spontinis martialischem, glorifizierendem Musikstil war auch König Friedrich Wilhelm III., der den italienischen Komponisten zum ersten preußischen Generalmusikdirektor der Königlichen Oper in Berlin berief. Er leitete das Haus von 1820 bis 1841.
Die Handlung von Spontinis „La Vestale“ greift den römischen Vestakult auf, den uralten Kampf zwischen religiöser Macht und individueller Freiheit. Der Kult rührt von einem Erlebnis der Göttin Hestia – Vestas griechische Entsprechung – her. Sie wurde einst fast vergewaltigt und verweigert sich seitdem. Aus Schutz und Angst vor erneuter Verletzung hat sich ein liebesfeindliches, repressives System herausgebildet. Wer sich dem widersetzt, wird lebend eingemauert. Regisseurin Lydia Steier versetzt die Handlung in das Amphitheater der Pariser Universität Sorbonne (Bühne: Etienne Pluss). Polizisten in Nazi-Optik (Kostüme: Katharina Schlipf) prügeln auf Menschen ein und hängen die Leichen, ähnlich wie die mexikanischen Drogenkartelle, an den Füßen an einer Mauer auf. Bücher werden verbrannt (plakativer Hinweis auf die Bücherverbrennung der Nazis gleich nebenan auf dem Bebelplatz im Jahre 1933). Figuren in schwarzem Ku-Klux-Klan-Look foltern die Gefangenen. Faschistische Nonnen züchtigen abtrünnige Priesterinnen. Alles sehr realistisch dargestellt. Und auch Julia (beherzt wie einst die Callas, dennoch auch etwas überfordert: Sonya Yoncheva) wird von der Grande-Vestalin (brillant, hochexpressiv: Marina Prudenskaya), eine Art Äbtissin, mit ihrem Gürtel blutig geschlagen. „Talis est ordo deorum“ (So ist die Ordnung / der Wille der Götter): Ciceros Spruch prangt bei jeder Gelegenheit an Vorhängen und Wänden bis zum Schluss der Vorstellung.
Tja, was das alles mit dem ursprünglichen Libretto zu tun hat? Dort geht es nämlich um eine Liebesgeschichte, die nicht sein darf. Julia liebt den Feldherrn Licinius (mit Tenorschmelz und Furor: David Butt Philip). Da sie aber jungfräulich bleiben muss, um die Flamme der Vesta zu bewachen, droht ihr der Tod, wenn sie sich der Liebe hingibt. Es geht also um das antike Rom, seine Tempel und Götter. Auf der Bühne ist davon nichts zu sehen. Auch auf die beiden Ballette am Ende des ersten und dritten Aktes verzichtet die Regie. Und auf das von Spontini beabsichtigte Lieto fine, das Happy End, ein Relikt aus der barocken Opera seria. In Spontinis Oper vergibt die Göttin Vesta der sündigen Julia. Die Liebenden dürfen zusammenkommen. In Lydia Steiers Lesart lässt ausgerechnet der beste Freund des Licinius, Cinna (etwas fad: Siyabonga Maqungo), das Liebespaar samt Obervestalin erschießen, während er sich, wie einst Napoleon, selbst krönt. Trotz seiner großen Erfahrung gelang es dem Dirigenten Carlo Rizzi nicht immer, den patchworkmäßigen Musikmix aus Gluck, Rossini und Giacomo Meyerbeer zusammenzuhalten. Der Staatsopernchor (Leitung: Dani Juris) allerdings punktete. Kurzer Applaus im nicht ausverkauften Haus.
Erschienen am 4.10.2026


















