Essay
TdZ+Timmy und das Kreuz
Über die Zumutung offener Bedeutungen und spiritueller Bedürfnisse
Erschienen in: Theater der Zeit 10/2026: Neues Musiktheater – Krise, Kanonkritik und Zukunft (09/2026)
Assoziationen: Hamburg Ernst Deutsch Theater

Als wir in „Timmy – Die Hope stirbt zuletzt“ am Ernst Deutsch Theater Hamburg einen Wal ans Kreuz hängten, war Timmy längst zum Träger spiritueller und moralischer Projektionen geworden. Menschen beteten für seine Rettung, entwickelten Rituale und verknüpften sein Erscheinen mit esoterischen Vorstellungen. Kurz vor Ostern verglich Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus Timmys Schicksal mit Jesus und seiner Auferstehung. Spätestens damit war die Analogie zur Passion Christi öffentlich ausgesprochen. Im Wal bündelten sich Hoffnungssehnsüchte und das Bedürfnis, sich selbst als mitfühlend und moralisch handlungsfähig zu erleben. Unser Stück nahm diese Aufladung beim Wort und machte daraus eine Messe für Timmy mit Liturgie, Abendmahl, Kreuz und Auferstehung. Die Reaktionen kamen prompt. Theologen und internationale Kirchenmedien warfen uns vor, die Bedeutung des Kreuzes zu entstellen, die Messe zu verunglimpfen und religiöse Gefühle zu verletzen. Der Liturgiewissenschaftler Prof. Albert Gerhards kritisierte, die religiöse Bedeutung des Kreuzes drohe durch die Übertragung auf den Wal beliebig zu werden. Prof. Jan-Heiner Tück schrieb, das Kreuz sei kein vager Platzhalter, den man auf andere Leidensgeschichten übertragen könne, für Gläubige gebe es etwas Heiliges, das dem Spiel und der Satire entzogen sei.
Allerdings setzt die Verwendung des Kreuzes in der Inszenierung gerade voraus, dass seine christliche Bedeutung erhalten bleibt....















