Auftritt
Schauspielbühnen Stuttgart: Gastarbeiterinnen tanzen für ihre Rechte
„Die Optimistinnen“ nach dem Roman von Gün Tank in einer Fassung von Murat Yeginer – Regie Murat Yeginer, Musikalische Leitung Eren Akşahin, Bühne und Kostüme Beate Zoff, Choreografie Sorina Kiefer
von Elisabeth Maier
Assoziationen: Baden-Württemberg Theaterkritiken Schauspielbühnen in Stuttgart

Die Geschichte der ersten türkischen Gastarbeiterinnen ist vergessen. Die Geschichte der Migration wird aus männlicher Sicht erzählt. Auf verblichenen Fotos sind die ersten Gastarbeiter zu sehen. Diese Lücke schließt die Autorin Gün Tank in ihrem ersten Roman „Die Optimistinnen. Roman unserer Mütter“, der 2022 erschienen ist. Da arbeitet die Autorin die Geschichte der ersten Generation von Arbeitsmigrantinnen auf. Im Alten Schauspielhaus bringt der Regisseur Murat Yeginer eine Adaption auf die Bühne, die die Geschichte mit viel Witz und musikalischem Drive erzählt.
Als „musikalisches Schauspiel nach dem Roman von Gün Tank“ bezeichnet Yeginer die ebenso schnelle wie vergnügliche Dimension. Die Weltmusik von Eren Akşahin spielt eine Band auf Instrumenten, die man aus der türkischen Kultur kennt. Ney, die traditionelle Längsflöte aus Schilfrohr, ist ebenso dabei wie die Kurzhalslaute Bağlama. Mit seiner Band lädt der musikalische Leiter das Publikum zu einem Streifzug durch die türkische Musikgeschichte ein. Evergreens, Volkslieder und Popmusik verbindet er zu einer vielschichtigen Partitur, die Spieler:innen und Publikum zum Tanzen verführt.
Als Komödienspezialist blickt Murat Yeginer, der von 2018 bis 2023 Künstlerischer Leiter am Hamburger Ohnsorg-Theater war, mit Humor auf den schweren Stoff. Die Handlung kreist um die Geschichte der 22-jährigen Nour, die 1972 als Gastarbeiterin aus Istanbul in die Oberpfalz kommt. Da arbeitet sie in einer Porzellanfabrik, haust in einem engen Wohnheim und erlebt die Respektlosigkeit der Menschen in Deutschland. Was diese Demütigungen mit einem Menschen machen, zeigt Melisa Melek Özel klug und mit großem Respekt. Die verbalen Angriffe des Direktors, von Frederik Leberle zu grob karikiert, kontert die Schauspielerin stark. In den Dialogen schöpft Yeginer auch aus dem Vollen der Komödienkunst. Das gibt dem schweren Stoff eine Leichtigkeit, die ebenso fasziniert wie aufrüttelt.
Dass die Gastarbeiterinnen aus der Türkei, aus Marokko, Griechenland und Jugoslawien ebenso zum deutschen Wirtschaftswunder beigetragen haben wie ihre männlichen Kollegen, wird in den Geschichtsbüchern oft vergessen. Yeginer und sein Team arbeiten in der zweistündigen Inszenierung sehr genau mit dokumentarischem Material. Ausstatterin Beate Zoff setzt auf dokumentarische Bilder und wenige, klare Symbole. Schwarz-Weiß-Fotografien der Wohnheime, die wie Gefängniszellen wirken, berühren. In dieser fremden, feindseligen Welt kämpfen die Arbeiterinnen gegen die Leichtlohngruppe, in die sie eingestuft wurden. In den 1970er Jahren klaffte der Pay Gap noch extremer als heute.
Gegen diese Ungerechtigkeit kämpft die zögerliche Tülay, die erst für den Arbeitskampf gewonnen werden muss. Selda Falke legt überzeugend offen, wie sie neu zu denken beginnt. Radikaler ist da die Spanierin Mercedes, in Sorina Kiefers Interpretation eine ebenso starke wie temperamentvolle Frau. Der stärkste Spagat gelingt Ursula Berlinghof, die als deutsche Arbeiterin Ira eine ebenso überzeugende Figur macht wie in der Rolle der türkischen Migrantin Cemile. Lustvoll überwindet das multikulturelle Ensemble, das Yeginer um sich geschart hat, Sprachgrenzen. Wenn Ursula Berlinghof mit ihrer ausdrucksstarken Stimme in türkischer Sprache singt, fasziniert das zutiefst. Mit der Choreografin Sorina Kiefer findet das Ensemble eine Ebene jenseits der Sprache. Mit Musik und Tanz vermitteln sie eine mitreißende Botschaft.
Yeginer setzt in seinem politischen Musiktheater auf Zeitsprünge, auf die Erinnerung der Akteur:innen. Andächtig und betroffen stehen die Frauen am Grabstein von Margarethe Steinmann, in den 1920er Jahren eine der Pionierinnen der Gewerkschaftsbewegung in Thüringen. Sie macht den Gastarbeiterinnen Mut, für ihre Rechte zu kämpfen. Yeginer selbst ist in der Rolle des Großvaters Dede zu erleben, der die Geschichte seiner Tochter Nour aus türkischer Perspektive kommentiert. Yasemin Cec als Nours Tochter Su betrachtet den Kampf der Mütter distanziert und dankbar. Die Kraft der Mütter gibt der Nachgeborenen Selbstbewusstsein.
Yeginers politisches Unterhaltungstheater überzeugt. Dass Lachen und politischer Tiefgang kein Widerspruch sind, zeigt der Regisseur mit dem Stuttgarter Ensemble eindrücklich. In Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Türkischen Forum Stuttgart hat das Theater ein umfassendes Begleitprogramm organisiert, das die Geschichte der ersten Gastarbeiterinnen aus lokaler Perspektive aufrollt und dokumentiert.
Erschienen am 22.6.2026


















