Editorial
Editorial
von Thomas Irmer
Erschienen in: Theater der Zeit 10/2026: Neues Musiktheater – Krise, Kanonkritik und Zukunft (09/2026)

In die bedrückte Stimmung der Kulturszene Sachsen-Anhalts mischt sich nach den Wahlen vom 6. September allmählich so etwas wie ein entschlossener Pragmatismus des aufrechten Weitermachens. Für die großen Theater in der Landeshauptstadt Magdeburg, in Halle und Dessau sowie für die mittleren und kleinen, etwa in Stendal, Naumburg und Eisleben, ist aufgrund ihrer Strukturen ein kulturpolitischer Umbruch über Nacht gar nicht möglich. Für die Freie Szene, zu einem großen Teil auf Fördermittel durch Projektanträge angewiesen, sieht es da schon anders aus. Nicole Tröger, künstlerische Leiterin des WUK Theater Quartier in Halle, spricht im Interview über ihre Befürchtungen, aber auch über die Perspektiven der Arbeit für dieses größte Produktionshaus der Freien Szene in Sachsen-Anhalt.
Im Schwerpunkt Neues Musiktheater wird deutlich, dass sich die Oper der letzten Jahre für aktuelle gesellschaftliche Themen immer mehr geöffnet hat. Sie ist keineswegs bloß ein Repertoire-Ritual des Immergleichen in neuen Variationen. Und was die vieldiskutierte Kanonkritik angeht, vertritt Andrea Moses, fünf Jahre lang Operndirektorin am Deutschen Nationaltheater Weimar, aus ihrer Regiepraxis die Auffassung, die Auseinandersetzung mit problematischen Aspekten in Werken des klassischen Kanons müsse zum „unterhaltsamen Bestandteil“ der Inszenierung werden. Ihre erfolgreiche Aufführung von Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ an der Staatsoper Unter den Linden mit dem Comedian Bülent Ceylan ist der Beweis.
Am 7. Oktober eröffnet die Frankfurter Buchmesse, Gastland ist Tschechien. Im Unterschied zu anderen Nachbarländern weiß man über die neuere Theaterszene und ihre Dramatiker:innen dort nicht gerade viel. In Momenten scheint es, als ob der passionierte Biertrinker und Bahnfahrer Jaroslav Rudiš, der es in Dresden und Bamberg schon ins deutsche Theater geschafft hat, den Botschafter seines Heimatlandes auf diesem Feld geben müsse. Das könnte sich jetzt ändern, denn die Expertin und Übersetzerin Barbora Schnelle stellt in ihrem Beitrag die wichtigsten neuen Theaterautor:innen Tschechiens vor. Dobrý den!
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