Theater der Zeit

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Maxim Gorki Theater

Berlin Unter den Linden 1952 bis 2002

von Volker Hesse

Erschienen in: 50 Jahre Maxim Gorki Theater (01/2002)

Assoziationen: Theatergeschichte Berlin Maxim Gorki Theater

Dramatische und bewegende Geschichtsmomente waren hier hautnah zu erleben: Kult-Prozessionen für Stalin, Panzeraufmärsche im Juni 1953, der Mauerbau, der Mauerfall, der Nachwende-Boom, die Dewonstrationsmassen nach dem 11. September 2001.

Mehr als andere Theater ist das Gorki durch seinen Standort mit der Geschichte verwoben. Die Chronik des Hauses ist reich an Brüchen und Paradoxien. Eine klassizistische Singakademie schließt im Zweiten Weltkrieg ihre Pforten, überlebt als Ruine, wird wieder aufgebaut als russisches Offizierskasino, ab 1952 kontinulerlich als Theater genutzt.Der Marmor, der im Foyer verbaut wurde, stammt aus den Trümmern der einstmals nahen Reichskanzlei, der Stil erinnert an die Eingangshallen der Stalin-, heute Karl-Marx-Allee.

Neben dem Haus der Lindentunnel: von Kaiser Wilhelm II. erbaut als Straßenbahntunnel, auf dass der Prachtboulevard Unter den Linden nicht beeinträchtigt werde. In DDR-Zeiten diente der Turnel als geheimes NVA-Panzerdepot, nach der Wende stand er leer oder war Ort bizarrer Bildender Kunstaktionen. Heute benutzt das Gorki Theater den Tunnel als Kulissenlager. Die alten Lager am Festungsgraben sollen bald einem großen Bürokomplex weichen, der auf die Museumsinsel ausgerichtet ist.

Das Gorki Theater und sein Umfeld sind geprägt von ständigen Umwälzungen. Stärker als anderswo muss das Neue sich mit Altem auseinandersetzen, das Alte mit Neuem. Die Theaterarbeit ist dadurch zuweilen schwierig und anstrengend, aber auch faszinierend und herausfordernd.

Vieles sollte das Haus in den vergangenen fünfzig Jahren sein: Musterbühne des sozialistischen Realismus, Repräsentationsort sowjetischer und russischer Dramatik, Aufführungsort neuer deutscher Autoren, Diskussionsforum SED-kritischer Bewegungen, großstädtischer Boulevard-Treffpunkt und Ort der poetischen Entrückung.

Die in diesem Buch gesammelten Texte machen Auseinandersetzungen mit Gegensätzlichkeiten in der Geschichte des Maxim Gorki Theaters erfahrbar. Es wurde viel gekämpft in diesem Haus. Man spürt die Lähmung und den ideologischen Starrsinn, der manche Theaterkonzeption bestimmt hat. Man ahnt Opportunistisches und Grämliches - und Verzweiflung. Aber man spürt auch, wieviel Kraft und Phantasie, wieviel Erfindungsreichtum und Intelligenz, wieviel Ensemble-Solidarität und sensible Menschlichkeit hier entfaltet wurden.

Es gab die viel beschriebenen Sternstunden des Theaters, bei denen die Menschen im Gorki den Atem anhielten, weil auf der Bühne etwas abgehandelt wurde, das alle aufwühlte. Vor allem in den letzten Jahren der DDR hatte das Gorki eine Öffentlichkeitsfunktion, die der Theaterarbeit Notwendigkeit und Sinn gab.

Im heutigen »anything goes«-Klima ist es schwerer geworden, solche Abende herbeizuführen. Man darf (fast) alles, aber es ist auch nicht mehr so wichtig, was im Theater geschieht. Dennoch - auch in den nächsten fünfzig Jahren wird der Boulevard Unter den Linden ein spannungsvoller Ort bleiben. Auch in Zukunft lassen sich mit wachen Sinnen Geschichten erzählen, die aus der Nähe zur Geschichte entstehen. Man wird diesen Ort weiter brauchen zum Nachdenken und Verarbeiten, zum Hoffen und Träumen.

Volker Hesse ist seit Beginn der Spielzeit 2002/2002 Intendant des Maxim Gorki Theaters

 

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