Die singende Rede oder das redende Singen als musikalische Form entsteht erstmals vielleicht beim Psalmodieren.1 Was mit der Musikwerdung eines Bibelverses beginnt, mag im Rezitativ mit instrumentaler, irgendwann orchestraler Begleitung gipfeln. Wie ist die Funktion dieser Form neben kunstreich komponierten Ouvertüren, Chören und Arien im Musiktheater sowie in der sakralen Vokalmusik einzuordnen? Gibt es besondere Gestaltungsformen des Rezitativs und wiederkehrende Stilmittel? Und ist es wirklich als Sprechersatz gemeint?
Die Anfangsjahre des Musiktheaters ab dem späten 16. Jahrhundert bringen die Herausforderung mit sich, abendfüllende Theatertexte und Versdichtungen in Musik zu setzen. Selbst wenn Libretti oftmals eingekürzte und prosodisch für Gesang optimierte Fassungen darstellen, müssen dennoch große Mengen Text mit Musik zusammengebracht werden. Formen wie Arien und Insiemi sowie Chöre, die besonders mit der – zuweilen gemeinsamen – Reflexion der Figuren über ihre Geschicke zu tun haben, bilden sich heraus, erfreuen sich vermehrt einer vielschichtigen musikalischen Ausdeutung und gipfeln im späten 17. Jahrhundert in den höchstmöglichen sängerisch-technischen Anforderungen. Doch lebt das Drama – per musica o no – genauso von einer stringenten Handlung und dem Schlagabtausch zwischen unterschiedlichen Figuren, die ihre Verwicklungen auskosten und auflösen wollen. Die Ansichten darüber, was geschehen soll, um diese Rede musikalisch zu reproduzieren, sind überhaupt nur...