Essay
TdZ+ ProVom singenden Sprechen im Musiktheater
Erschienen in: Edition Bayerische Theaterakademie August Everding 4: Sprechen Gestalten – Sprechen in Theater, Ausbildung und Praxis (10/2026)
In die düster-martialisch wirkende Klangfläche des Orchesters mit ihrer starren, bohrend rhythmischen Grundstruktur schreiben sich nach und nach die Gesangsstimmen ein. Es sind die Stimmen der Toten, die im ersten Bild von Sarah Nemtsovs Oper Ophelia (UA Saarbrücken, 2023) aus der Vergangenheit zurückkehren. Unversöhnlich stehen sich in Mirko Bonnés Libretto Gertrude und Claudius, Hamlet, Laertes und Polonius einander gegenüber, immer noch verzehren sie sich in Rache, Schmerz und Schuldgefühlen. Selbst Rosenstern (eine Zusammenlegung der Figuren Rosencrantz und Guildenstern) kann sie nicht versöhnen und wird von Laertes und Hamlet erstochen. Die kurzen Repliken der Figuren bleiben für sich stehende Gesprächsfetzen, aus denen keine Handlungen folgen. Dennoch befinden sich die Figuren in einer Dialogsituation: Sie reagieren aufeinander, indem sie einander kommentieren, ins Wort fallen, nachahmen oder einer Antwort ausweichen. Es scheint fast, als ob jede Figur Anspruch darauf erhebt, die Geschichte zu erzählen, um Deutungshoheit über die Ereignisse der Vergangenheit zu gewinnen. Auch wenn die Figuren isoliert erscheinen, schafft der Librettotext eine atmosphärische und emotionale Grundlage für die Musik, deren Struktur die emotionalen Spannungen zwischen den Figuren akustisch hörbar macht. Die rhythmische Gestaltung der Gesangsstimmen richtet sich dabei zwar am gesprochenen Wort aus, durch Glissandi, große Intervallsprünge und geräuschhaften Einsatz der Gesangsstimme...















