Editorial
Erschienen in: ixypsilonzett Jahrbuch 2019: Heimat-Pflege als Theaterprogramm? – Die Kunst, soziale Zugehörigkeit zu ermöglichen (01/2019)
Eine Woche war ich dienstlich in Beirut, bei einem Forschungsatelier zur Kulturpolitik, das sich mit Prozessen der Transformation in Zeiten der Globalisierung beschäftigt hat. Wo ist da Heimat? Das kleine Libanon stellt sich großen Herausforderungen; dereinst galt es, hunderttausenden von palästinensischen Geflüchteten eine neue Heimat zu gewähren. Heute sind es 1 500 000 Menschen aus Syrien, die dem Krieg entkommen sind. Auch sie müssen beim arabischen Nachbarn Zuflucht finden – wird er Heimat werden?
Zurück nach Deutschland geht es (Vorsicht: product placement) mit der Lufthansa. Ich betrete den Flieger und mich überkommt ein Gefühl von Heimat: Es wird Deutsch gesprochen, nach Tagen der Abstinenz informiere ich mich in der Süddeutschen Zeitung über das Politische in Berlin und es gibt (Vorsicht: siehe oben!) Gerolsteiner Sprudel. Zu Hause sitze ich auf dem roten Sofa und freue mich über meine Familie; ja, auch das ist Heimat. Und deshalb gilt es, sie immer wieder neu zu denken, die Heimat. In vielfältiger Weise, weil es sie als kollektiven Begriff gibt, aber eben auch ein ganz individuelles Phänomen sein kann. Dies bedarf der besonderen Pflege.
Heimat – der Begriff war lange Zeit zu recht verpönt. Die Faschisten benutzten ihn einst für ihre Blut-und-Boden-Ideologie, die neuen Nationalisten positionieren sich damit in rassistischer Abgrenzung vom Fremden. Heimat-Filme und Heimat-Romane wollten heile Welt vorgaukeln und auch das deutsche Kindertheater der Nachkriegszeit in Ost und West war – vorsichtig ausgedrückt – nicht frei von Idealisierungen der Lebensweise. Heimat-Museen haben ein verstaubtes Image, Heimat-Kunde wurde wegen ideologischer Überfrachtung, geografischer Enge und der allzu einseitigen Orientierung an Landidylle im Schulcurriculum zumindest in der BRD durch den Sachunterricht abgelöst.
Im Grunde genommen ist Heimat aber eine durchaus wichtige Kategorie kultureller Identität oder wie die Soziologie formuliert: Heimat ist Lebensmöglichkeit. Hermann Bausinger hat es konkretisiert: Heimat ist da, wo man Sicherheit und Verlässlichkeit erfahren dürfe. Und ist es nicht das, was wirklich zählt, was wir alle anstreben, was uns antreibt, ein gelingendes Leben zu gestalten?
Es geht um die Beziehungen der Menschen und ihren Raum, ihre Umwelt, ihren Alltag, es geht um beste Bedingungen für die Sozialisation, Identität und Mentalität, es geht um Beheimatung, vor allem um die Aneignung von vertrauten Lebenswelten, um die Bildung sozialer Zugehörigkeit, letztlich um eine neue Form der Heimat-Pflege. Und hier kommt das Kinder- und Jugendtheater ins Spiel. Denn die Darstellenden Künste für junges Publikum sind nah dran und mittendrin, vor Ort, wo die Welten aufeinandertreffen – auch im geschützten Raum des Theaters, wo die existenziellen Auseinandersetzungen thematisiert werden können.
Die Pflege von Heimat ist ein Politikum und Kinder und Jugendliche sind die sensiblen Subjekte, die jene Herausforderung zu meistern haben, die lokale und globale, ökonomische und ökologische, familiäre und gesellschaftliche Veränderungen nach sich ziehen. Kinder- und Jugendtheater als Heimat-Pflege kann jenseits von Aus- und Abgrenzung, das Für- und Miteinander zum Gegenstand haben, politische und kulturelle Bildung ermöglichen sowie inhaltliche und ästhetische Impulse für das gemeinsame Gestalten von Zukunft geben.
Wir haben gefragt, wie Theater ein deutungsoffener Ort sein kann und wie sich Künstler*innen und Zuschauer*innen dort verorten, sich beheimaten. Katja Hensel trifft auf die Heimat als Shootingstar aktueller Debatten und will sie doch aus der Reserve locken. Was will sie sein, die Heimat? Eine Erinnerung oder eine Perspektive? Harmlos oder streitbar? Shaun Tan zeigt das Potenzial der Peripherie und plädiert für ein Vertrauen in die Zuschauer*innen, das ihnen die kreative Aneignung der Kunst ermöglicht. Eliot Moleba beschreibt die Herausforderung der historischen Verortung seiner eigenen Künstlerbiographie im Post-Apartheid-Südafrika, während Uluç Esen das Theater in der Türkei der Gegenwart nicht ohne Hoffnung als Kunst im Ausnahmezustand bezeichnet. Annalena Küspert fordert ein neues Selbstverständnis des Theaters als Agora: Dissens und Widerspruch gehören zum Theater, zur Kunst, zu Heimaten, die sich unterscheiden und dennoch in Kontakt sind. Heimat liegt in vergessenen Rezepten und Erinnerungen, aber auch in Mehrsprachigkeit und Multiperspektivität, im Plural vieler Heimaten und in der Vertrautheit mit anderen Menschen.
Dass Heimat mehr ist als das eigene Sofa, verdeutlicht auch die Initiative kulturelle Integration, ein Zusammenschluss zivilgesellschaftlicher Organisationen. Sie gibt zu bedenken, dass Zusammenleben in Vielfalt auch bedeute zuzuhören. So könne im Gemeinsamen neue Heimat entstehen. Zuhören, Ernstnehmen, Vermitteln, das sind die Zutaten, aus denen das Theater für junges Publikum gemacht wird. Darstellende Künstler*innen sind im besten Falle Seismographen, sie können analysieren und reflektieren, sie hören zu und schauen sich um. Und sie nehmen ihre Zielgruppe ernst, was in der Praxis heißt, dass sie ihr auf Augenhöhe begegnen, dass sie sich als ihre Verbündete verstehen und auch in Sachen Kinder rechte Experten sind.
Die Kinderrechte kommen ins Spiel, weil Kinder oft unverschuldet ihre Heimat verlieren, wo von Krieg, Flucht oder Trennung die Rede ist. Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen feiert 2019 ihr dreißigstes Jubiläum, ebenso wie das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland in der Trägerschaft der ASSITEJ. Die Verbindung mag historisch zufällig sein, ist inhaltlich aber stimmig, denn es geht auch um das Recht auf Bildung und die Beteiligung an Freizeit, kulturellem und künstlerischem Leben. Es wird Zeit, dass die Kinderrechte endlich ins Grundgesetz aufgenommen werden!
„Das Denken“, so sagt es der politische Philosoph Michael Sandel im Gespräch mit der ZEIT vom 25. Oktober 2018, „hat seine besten Zeiten nicht dann, wenn Ruhe und Frieden herrschen. Es steht dann in Blüte, wenn Gesellschaften in Aufruhr sind“. Auch deshalb widmet sich dieses Jahrbuch des Kinder- und Jugendtheaters der Heimat-Pfl ege. Bedeutung und Sinn sind theatrale Kategorien, das Denken ist Ausgangs- sowie Zielpunkt von Dramatik und es überprüft Wahrnehmungen und Erinnerungen. Deshalb kann es zugleich auch Avantgarde sein, weil es sich gegen die alltäglichen Selbstverständlichkeiten sträubt: Das Denken will auch nur spielen!
Wolfgang Schneider
















