Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Für eine kurze, lange Minute – Die Schauspielerin Valery Tscheplanowa (05/2014)
Wenn im Mai in Berlin das traditionelle Theatertreffen der Berliner Festspiele über die Bühne geht, sind wir dabei. Zwar nicht richtig, also nicht drinnen, nicht in der Jury, wie Igor I. Karamasow weiß: „Wir müssen draußen bleiben.“ Von da aus steuern wir aber gerne noch Material zur Leistungsschau bei, unveröffentlichtes Material, wie etwa die Reflexionen über Kunst und Theater, die Dimiter Gotscheff wenige Monate vor seinem Tod mit Wolfram Koch, Samuel Finzi und Michael Eberth teilte. Dort, in Gotscheff’s Last Tape, spricht er zum Beispiel über die Vorbereitungen für die zum Theatertreffen eingeladene Inszenierung von Heiner Müllers „Zement“ am Münchner Residenztheater. Die Rolle der Njurka spielt hier die Schauspielerin Valery Tscheplanowa. „Sie spricht, singt, ja tanzt diese Texte, als seien sie ihr in den Körper gefahren, der über dem Boden zu schweben scheint. Es ist dies einer jener Momente, in denen alles möglich ist. Sagenhaft, in jeder Hinsicht. Und beglückend“, schreibt Christoph Leibold in seinem Porträt über den Shootingstar des diesjährigen Theatertreffens. Dass Geschichte nach wie vor relevant ist, behauptete nicht nur Gotscheff mit seiner Suche nach den vergessenen Ahnen, sondern zeigt auch Luk Percevals Hamburger Inszenierung „Front“ zum 100-jährigen Gedenken an den Ausbruch der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, wie der Politikwissenschaftler Herfried Münkler den Ersten Weltkrieg nennt. In packenden Bildern schildert Gunnar Decker eine erschütternde Inszenierung: „Wir sind gefangen im Graben der großen Maschine Krieg, die vor hundert Jahren wie ein mythisches Untier ihren Verwüstungszug antrat. Es ist etwas Modriges in dieser mechanischen Welt des Grabens. Tod liegt in der Luft! Die Ratten sind hier größer und aggressiver als anderswo.“
Zu den Regisseuren, die aus der Geschichte kamen, gehörte auch Einar Schleef. Patrick Schlösser, ehemaliger Assistent Schleefs und jetzt Oberspielleiter in Kassel, enthüllt, was Schleef ihm vererbt hat: „Die Bilder, die während der Inszenierung entstehen, kommen im Grunde immer aus der Sprache. Da bin ich Schleefs Schüler. Das habe ich bei ihm begriffen.“
Darauf, dass die Dinge, auch die Kunstwerke, eine Geschichte haben, basiert auch die Philosophie des bildenden Künstlers Tobias Rehberger, dem sich unser Künstlerinsert im Mai widmet. Gegenüber Ute Müller-Tischler erklärte er: „Es gehört einfach zur Definition meiner Arbeit, dass alle Umstände, die dazu geführt haben, eben Teil dieser Arbeit sind. Dieser Mythos, zu behaupten, wenn man nur intensiv und ehrlich genug ein Bild betrachtet, dass sich deswegen die Kunst schon irgendwie von selbst erklärt. Das halte ich für einen Riesenhumbug. Ich sage ja, dass alles Mögliche, was damit zu tun hat, natürlich ein Mehr-Wissen und ein Mehr-Verknüpfen und ein Mehr an Differenzierungsmöglichkeiten, auch ein Mehr an Erkenntnis bringt.“
Dorte Lena Eilers und Tom Mustroph diskutierten mit Rimini Protokoll nicht nur die während des Theatertreffens auswärtige Produktion „Situation Rooms“, sondern auch Vorschläge zur „Systemfrage“, die Thomas Oberender im Dezember 2013 in unserem Heft stellte: „Es wäre ja wunderbar, wenn Theaterinstitutionen eine solidarische Gemeinschaft wären: ein sicherer und stabiler Apparat – hier kann der Bühnentechniker mit Bandscheibenvorfall im Haus bleiben und den Pförtnerjob übernehmen. (…) Wir haben uns für einen sehr schlanken Apparat entschieden.“
Ein Gespräch mit Ulrich Peltzer beendet die Reihe „Zurück in die Zukunft“. Der Schriftsteller erläutert gegenüber Frank Raddatz, was es heißt, wenn wir zu Konsumenten unserer selbst werden: „Man ist nicht mehr Teil einer größeren Gruppierung. Von daher erlebt man Zukunft nur noch als persönliche, individuelle Bedrohung. Jeder ist auf einen Konsumenten geschrumpft worden.“
Vielleicht sollten wir uns doch nicht nur an der Sinnlichkeit des Spiels erfreuen, sondern mal fragen, warum manchen Leuten Fußballvereine gehören und andere kaum das Geld für einen Stehplatz zusammenbekommen. Wem das nocht nicht kompliziert genug ist, der kann mit Juri Andruchowytsch über die vertrackte Lage in der Ukraine nachdenken. Ralph Hammerthaler ließ sich erzählen, warum ein föderatives System dort nichts taugt. //
Die Redaktion

















