Polen
Erstaufgeführt
Mrożek und Różewicz auf unseren Bühnen
Erschienen in: Theater der Zeit: Beobachtungen, Erfahrungen, Tendenzen (01/1976)
Assoziationen: Europa Sławomir Mrożek

Anläßlich der Tage polnischer Theaterkunst 1975 wurden erstmals von Mrożek vier und von Różewicz drei Stücke inszeniert.
Bei diesen Begegnungen trafen unsere Theaterleute auf ungewohnte Kunstformen. Różewicz und Mrożek gehen von eigenem literarischen Erbe und von den westeuropäischen Absurden aus. Die Autoren begannen beide Ende der 50er Jahre zu schreiben, als in Polen einerseits Witkiewicz wiederentdeckt, andererseits Beckett erstmals gespielt wurde. Witkiewicz' Komödien und Grotesken verfremden durch Entfernen, verdeutlichen durch Übertreiben. Różewicz und Mrożek hat diese Dramaturgie stark beeinflußt. Auch die zeitgenössischen Absurden Westeuropas haben sie angeregt. Aber da sind Unterschiede. Różewicz versteht Beckett vor allem als Spaßmacher und sieht ihn nicht als tiefgründig nihilistischen Philosophen, wie ihn die westdeutschen Theater damals interpretierten. Die polnischen Absurden sind keine Pessimisten. Sie wollen mit engagiertem Moralismus wirken. Das haben Różewicz und Mrożek gemeinsam. Deshalb kritisieren sie Fehlverhalten im öffentlichen und persönlichen Leben, legen den Finger auf Wunden, zeigen diese Wunden überdeutlich. Die beiden Autoren unterscheiden sich aber auch stark. Mrożek bevorzugt die Groteske. Różewicz Dramen können eher als Komödien, Humoresken bestimmt werden (auch in bezug dazu, daß sich Różewicz Tschechow verwandt fühlt). Mrożek baut im äußeren Ablauf korrekt geknüpfte Fabeln, die meist ungewöhnliche Voraussetzungen haben. Różewicz ist auf innere Zusammenhänge menschlichen Verhaltens orientiert, arbeitet mit Brüchen in Handlung und Verhaltensweisen, mit verwirrenden Zeitsprüngen, bedeutungsvollen Pausen.
Diese polnischen Autoren verlangen unseren von anderer Tradition bestimmten Theatern ungewohnte Schritte ab. Nach einigen Inszenierungen kann man vergleichen, welche Wege gegangen wurden. Die verschiedenen Bühnen hatten mehr oder weniger Mut, zum Fremden vorzudringen. Unser Publikum braucht aber, so scheint es, keine ängstliche Vermittlung. Die Rezeption einer Inszenierung »Laokoongruppe« (in Halle) war besonders lebhaft, es wurde viel gelacht, und man verhielt sich differenziert zum Gezeigten. Diese Inszenierung war bemüht, das Stück so zu spielen, wie es geschrieben ist; dafür hatten Regisseur und Schauspieler Phantasie mobilisiert. Eigentlich ist das selbstverständlich, andere Wege könnten aber hier noch mit guten Absichten erklärt werden.
















