Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Berliner Theatertreffen: Unendliches Spiel – Der Schauspieler André Jung (05/2019)
Im Mai hat man die Wahl oder die „10er Auswahl“: In zehn Bundesländern stehen Kommunalwahlen an, die in Brandenburg, Sachsen und Thüringen als Gradmesser für die Landtagswahlen im Herbst gelten. In Brandenburg hat der CDU-Chef Ingo Senftleben angekündigt, notfalls eine Koalition mit der Linken einzugehen, während sein Parteikollege, der Bundestagsabgeordnete und frühere Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder) Martin Patzelt sich auf Bundesebene nach 2021 eine Koalition mit der AfD vorstellen kann. Die Neuorientierung der CDU ist mindestens widersprüchlich. In Sachsen hat CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer einen von konservativen Kräften in der Landes-CDU lancierten „Plan B”, der das Planspiel einer Koalition mit der AfD nahelegte, dementiert. Und in Thüringen? Dort hatte Ministerpräsident Bodo Ramelow von den Linken „wenig Verständnis“ für die staatlichen Ermittlungen gegen die Künstlergruppe Zentrum für Politische Schönheit (ZPS). Gegen das ZPS, namentlich gegen Leiter Philipp Ruch war 2017 ein Verfahren nach § 129 wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung eingeleitet worden, eine Woche nachdem das ZPS auf dem Nachbargrundstück von AfD-Politiker Björn Höcke einen Nachbau des Berliner Holocaust-Mahnmals errichtet hatte. Ramelow twitterte: „Ein Rechtsstaat zeichnet sich aber gerade dadurch aus, genau keine politischen Weisungen zu erteilen.“ Die Ermittlungen wurden eingestellt. Jakob Hayner geht in diesem Heft auf diesen Fall politischer Justiz gegen die Kunstfreiheit ein und hinterfragt die entsprechenden Paragrafen.
Die Kommunal- und Landtagswahlen stehen in direkter Spiegelschau zur Europawahl am 26. Mai. Im Vorfeld werden die Vielen sich erneut zu einer glänzenden Demonstration für ein „Europa der Vielen“ auf den Straßen deutscher Städte versammeln, und zwar am 19. Mai, dem vorletzten Tag des diesjährigen Berliner Theatertreffens, das vom 3. bis 20. Mai stattfindet und in seiner so benannten „10er Auswahl“ die bemerkenswertesten Arbeiten der Bühnen im deutschsprachigen Raum präsentiert. Mit dabei ist „Erniedrigte und Beleidigte“ vom Staatschauspiel Dresden, eine Inszenierung von Sebastian Hartmann. Thomas Irmer stellt diesen außergewöhnlichen wie umstrittenen Regisseur in einem Porträt vor, hat mit ihm über dessen Annäherung an die von ihm bevorzugten Romanstoffe gesprochen. Ebenfalls beim Theatertreffen zu erleben ist der Schauspieler André Jung in Thorsten Lensings Inszenierung „Unendlicher Spaß“. Christoph Leibold hat den Protagonisten ohne Allüren getroffen und einen Blick auf dessen sensibles wie hochgradig sprachbewusstes Spiel geworfen, für das ihm in diesem Jahr der Gertrud-Eysoldt-Ring verliehen wurde.
Als sensationelle Entdeckung präsentieren wir das Stück „Anna Iwanowna“ von Warlam Schalamow, dessen überragende schriftstellerische Bedeutung als Chronist der Menschheitsverbrechen inzwischen auch hierzulande anerkannt wird.
Bevor ab Mai die unzähligen großen und kleinen Festivals unsere Aufmerksamkeit in Beschlag nehmen, gilt es noch zwei wesentliche Neustarts an deutschen Stadt- und Staatstheatern zu resümieren: Anna Bergmann startete als Schauspielchefin am Staatstheater Karlsruhe äußerst programmatisch durch – sie engagierte ausschließlich Regisseurinnen. Elisabeth Maier hat geschaut, ob und wie dieses Konzept aufgeht. Am Theater Trier ist nach schweren finanziellen und personellen Querelen mit einem neuen Intendanten nicht nur Ruhe an der Bühne eingekehrt − Björn Hayer war für uns vor Ort und stellt fest: „Haltung und Unterhaltung finden unter der Intendanz von Manfred Langner auf fabelhafte Weise zusammen.“
Nur ein paar Kilometer vom grenznahen Trier entfernt, hat wiederum Frank Hoffmann in Luxemburg 1996 mit der Gründung des Théâtre National du Luxembourg den Traum von einem Nationaltheater im Großherzogtum Wirklichkeit werden lassen. Wie in einem Land mit drei Amtssprachen, von dessen Einwohnern etwa 47 Prozent aus anderen Ländern stammen, eine nach innen und außen wirksame nationale Repräsentation gelingt, beschreibt Sascha Westphal in einem Beitrag.
Einen Einstand in die Festival-Saison stellt unser Künstlerinsert dar, in dem wir den belgischen Künstler Benjamin Verdonck vorstellen, dessen Schaffen sich weder auf ein Genre noch auf ein Format oder ein Thema festlegen lässt, sich vielmehr in Projekten, Installationen, Manifesten, Performances, Videos oder Büchern formuliert. Bei den Wiener Festwochen wird sein „Liedlein für Gigi“, beim Kunstfest Weimar die vier Kurzstücke „Gille learns to read“, „One More Thing“, „Sag mir wo die Blumen sind“ und „Waldeinsamkeit“ zu sehen sein. //
Die Redaktion
















