Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Song of Smoke – Der Regisseur und Musiker Thom Luz (05/2015)

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Bleierne Zeit. Wer da reflexartig an Adenauer denkt, müsste sein Denken womöglich überdenken. Warum? Die Gründe liegen hier: in Berlin, Rostock und Dessau, wo eine einzigartige Volksbühnenära enden soll, nur weil ein Kulturstaatssekretär hippe Eventkultur favorisiert. Wo ein Intendant – fast (?) – demontiert wird, der enthusiastisch an die Rettung des Volkstheaters glaubt. Und wo ein erfolgreicher Theaterleiter aufgrund finanzieller Streitigkeiten geschasst wird. Drei Theater, drei Städte. Und dreimal SPD. „Das immer stärkere Gefühl, in einer ,bleiernen Zeit‘ zu leben“, schreibt Gunnar Decker in seinem Kommentar, „wird zuerst der SPD und nicht der CDU angelastet.“ Es seien Länder und Kommunen unter SPD-Kulturpolitikern, in denen „sozialdemokratische Werte (darunter das Recht auf bezahlbare Kultur und Bildung für alle!)“ aufgegeben und lang gewachsene Strukturen zerstört werden, „auch das Stadttheater (…), Orte öffentlicher Selbstverständigung über die Grundwerte unserer Gesellschaft“. Sein Appell an die Politik: Korrigiert euch!

„Dem Theater wird das nötige Geld zugesteckt (…), aber ja nicht so viel, dass es auf dumme Ideen kommen könnte.“ Auch Mehmet Sözer diagnostiziert dem Theater eine schwere Zeit, zielt jedoch weniger auf die Kulturpolitik als auf den Betrieb selbst. Dieser nämlich halte überhaupt nicht, was er verspreche: „der Ort zu sein, an dem (…) die gesellschaftlichen Gegebenheiten verändert werden können.“ Der Schauspieler ist einer von sechs jungen Theatermachern, die wir anlässlich des Berliner Theatertreffens, der großen Betriebsfeier schlechthin, vorstellen. Ein Schwerpunkt über Spielwut, Idealismus und die Verchaotisierung des Betriebs mit den beiden zum diesjährigen Theatertreffen eingeladenen Regisseuren Thom Luz und Christopher Rüping, der Dresdner Schauspielerin Lea Ruckpaul, einem Plädoyer gegen die Vereinzelung von Mehmet Sözer sowie einem Künstlerinsert des Regisseurs Alexander Giesche. Dazu veröffentlichen wir das Stück „Kings“ von Nora Abdel- Maksoud, das, wie sie im Interview erklärt, untersucht, warum es nicht funktioniere mit der Rebellion, weder in der Kunst noch außerhalb. Vielleicht, vermutet sie, weil man nur mit der eigenen Selbstverwirklichung beschäftigt sei, weil gar kein Interesse bestehe, sich einem gemeinsamen, übergeordneten Gedanken anderen Zusammenlebens anzuschließen.

Damit ist die Schauspielerin, Autorin und Regisseurin einem großen Theaterdenker auf der Spur: Wolfgang Engler. Der Kultursoziologe eröffnet in diesem Monat unsere Reihe zum Thema Neuer Realismus, in der wir Künstler und Theoretiker danach befragen, wie sich gesellschaftliche Realität heute wieder mit den Mitteln der Kunst begreifen lässt. Das fatale Signum unserer postmodern- neoliberalen Gegenwart sei es, analysiert Engler, die Gesellschaft in eine Ansammlung isolierter Einzelner zu verwandeln. Daher arbeiten „Realisten im Zeitalter der Postmoderne (…) zuerst und vor allem an der Wiederherstellung des sozialen Sinns“.

Die Realitäten auf monetärer Basis könnten in Griechenland und der Schweiz unterschiedlicher nicht sein. Wir beschäftigen uns in diesem Heft mit dem 2. Schweizer Theatertreffen, stellen in einem Insert den 3. Autorenwettbewerb der Theater St. Gallen und Konstanz vor und erfahren von unserer Schweiz-Korrespondentin Kaa Linder, warum es mit der helvetischen Selbstreflexion mitunter dennoch nicht klappt. Dem gegenüber steht ein Interview mit Nikos Xydakis, dem stellvertretenden griechischen Kulturminister, der im Gespräch mit Torsten Israel erklärt, wie die Kultur in Griechenland mit sparsamsten Mitteln überleben könnte: „mit Einfallsreichtum und Intelligenz, nicht so sehr mit Geld“.

„Managerkrankheiten“ – so heißt denn auch die Kolumne von Kathrin Röggla, die wir mit diesem Heft ganz herzlich als unsere neue Kolumnistin begrüßen. Die Schriftstellerin denkt in ihrem Text über typische, auch im künstlerischen Bereich anzutreffende Verhaltensweisen nach, die leider nur allzu oft mit marktkonformen Prinzipien korrelieren: das strategische Operieren, ein Handeln ausschließlich zu Profilierungszwecken. Dabei liegt der Beginn eines anderen Miteinanders schon in der Sprache, wie Kathrin Röggla an einem Abend feststellt, „an dem einfach nur geredet wird“: „Keine strategische Abgrenzungsrhetorik dominiert den Abend, und die Warenform der mich umstehenden Gedanken hat mich für einen Moment einfach ausgelassen.“ //

Die Redaktion

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