Theater der Zeit

Editorial

Vorwort

von Marie-Theres Auer, Josef Bairlein und Susanna Werger

Erschienen in: Edition Bayerische Theaterakademie August Everding 4: Sprechen Gestalten – Sprechen in Theater, Ausbildung und Praxis (10/2026)

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Wie wollen wir sprechen? Wie sollen wir sprechen? Diese Fragen vollziehen sich nicht nur vor einem ästhetischen wie kommunikativen Hintergrund, sondern involvieren ebenso ethische, soziokulturelle und gesundheitliche Aspekte. Auf das Sprechen zu achten, es zu gestalten in den Kreuzungspunkten von Ästhetik und Ethik, von Anspruch und täglicher Praxis, ist Aufgabe und Herausforderung für alle.

Die vorliegende Publikation – erschienen als vierter Band in der Schriftenreihe der Bayerischen Theaterakademie August Everding – verknüpft aktuelle Praktiken und Diskurse mit Fragen des institutionellen Wandels und mit einer Reflexion über gegenwärtige Ausbildungsverhältnisse. Der Band versammelt dabei Stimmen aus der Lehre und Theaterpraxis sowie der Theater- und Sprechwissenschaft. Er gibt Einblick in die Stimm- und Sprechausbildung, thematisiert Herausforderungen und eruiert Potenziale.

Unser Sprechen ist stets eingebettet in ein Dispositiv und durchzogen von Machtstrukturen, die auch die Ausbildung formen und von der Ausbildung mit hervorgebracht werden. Im Sprechen werden Herkunft, Sozialisierung und Zugehörigkeit sichtbar, werden Gemeinschaften gebildet, Personen ein- wie ausgeschlossen. Sprechend verorten wir uns – mittels einer Sprache und eines Sprechens, das immer schon vorgängig ist, woanders herkommt. Ein Blick in die Entstehung, Entwicklung und Etablierung einer Standardaussprache sowie die Institutionalisierung der Sprechausbildung erscheint daher unerlässlich. Welchen Wert räumen wir der Standardaussprache ein? Welchen einem von ihr abweichenden Sprechen? Diese Fragen stellen sich vor allem angesichts eines Theaters, dessen Sprechen vielgestaltiger wird: Neben ausgebildeten Sprecher:innen betreten Lai:innen die Bühne; Akzente, Dialekte, individuell abweichende Stimmen oder stimmliche Exzesse werden vermehrt hörbar. Im Kontext der Theaterausbildung bedeutet das: Welches Sprechen beherrscht den Unterricht und künftig die Bühne? Welche Texte dienen als Grundlage und wie kommen sie zur Sprache?

Sprechen involviert körperlich-physische sowie intentionale Prozesse, ist gerichtet auf ein Gegenüber, eingebunden in Interaktionen und verortet im Raum. Welche Rolle spielen körperlich-anatomische sowie phänomenal-leibliche Aspekte in der Ausbildung?

Die ausgebildete Stimme, das mittels erlernter Technik hervorgebrachte Sprechen, unterscheidet sich vom alltäglichen Sprechen. Auch wenn es dieses authentisch wiederzugeben vermag, ist das Sprechen auf der Bühne einer Stilisierung unterworfen. Mithin ist es künstlerisch geformt, musikalisch gestaltet oder rhythmisch geprägt. Charakteristisch ist dies unter anderem auch für den Sprechgesang, für Rezitative oder für Formen chorischen Sprechens. Welche Anforderungen stellen Partituren und Theatertexte an das Sprechen? Wie ist es bereits in Theatertexte eingeschrieben? Welche Möglichkeiten liegen in der Gestaltung chorischen Sprechens? Wie gestaltet sich das Sprechen zwischen Authentizität und Künstlichkeit?

Diese Fragen stellen wir uns nicht nur an der Bayerischen Theaterakademie, sondern gemeinsam mit anderen Ausbildungseinrichtungen, die unter anderem auch mit Statements in diesem Band vertreten sind. In der Vielfalt und Unterschiedlichkeit seiner Beiträge soll diese Publikation zur weiteren Beschäftigung mit Stimme und Sprechen anregen, um eine Ausbildung und ein Theater von morgen zu skizzieren.

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