Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Der Sound der Algorithmen – Schwerpunkt Musiktheater (03/2021)

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Für Potentaten wie Wladimir Putin sind die digitalen Medien Segen und Fluch zugleich. Während unzählige Bots tagtäglich versuchen, regierungsfreundliche Nachrichten in den Kanälen zu platzieren, platzen ebenso regelmäßig die Enthüllungsvideos des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny ins Geschehen. In Russland ist das Videoportal Youtube längst zum politischen Kampfplatz avanciert. Auch Telegram, Instagram oder Facebook tragen zur Dynamik der Ereignisse bei: „Seit den ersten Protesten am 23. Januar“, seit Nawalny in Moskau also wieder in Haft sitzt, „finden die wesentlichen Kämpfe“, schreibt Kristina Matvienko, „in den sozialen Netzwerken statt.“ Die Moskauer Theaterkritikerin und Kuratorin hat eine Vielzahl Theaterschaffender interviewt, die durch die Aufrufe im Internet bestärkt landesweit auf die Straße gehen und hier über ihre Ängste, die Polizeigewalt, ihren Mut und ihre Wut auf ein repressives System berichten.

„Ich höre Daten! Überall Daten! Zahlen, Ziffern, Algorithmen. Meine Sorge ist, wie wir darin noch das Menschliche identifizieren können“, sagt der Komponist Oscar Escudero. Auch unser ­Schwerpunkt zum zeitgenössischen Musiktheater, der in Zusammenarbeit mit dem Magazin Positionen. Texte zur aktuellen Musik entstanden ist, dreht sich um die Macht der Algorithmen. In einer Zeit, in der Apps wie TikTok und Instagram es jedem ermöglichen, sich öffentlich auf virtuellen Musikbühnen zu inszenieren, steht das aktuelle Musiktheater vor einem Paradigmenwechsel. Doch wohin soll die Entwicklung gehen? Das haben Bastian Zimmermann, Co-Herausgeber der Positionen, und Dorte Lena Eilers den Komponisten Oscar Escudero, die Komponistin Sara Glojnarić, die Musikwissenschaftlerin Marie-Anne Kohl sowie den Susanne-Kennedy-Sounddesigner Richard Janssen gefragt. Während Irene Lehmann die Grenzen des Digitalen aufzeigt, die in Pandemiezeiten selbst eine Szene wie die des experimentellen Musiktheaters in Berlin herausfordern, berichtet der norwegische Komponist Trond Reinholdtsen, der auch den Sound zu Arbeiten von Vegard Vinge und Ida Müller schuf, im Gespräch mit Harry Lehmann und Christine Wahl, wie er das Internet für sich zu nutzen weiß: Sein nächstes Werk in Dresden wird sich aus den Followern seiner Youtube-Filmreihe „Ø“ konstituieren, die in Hellerau ein affirmatives Agitprop-Oratorium aufführen. Der Titel wird lauten: „Zu den Waffen! Zu den Waffen!“

Auch Donald Trump wusste tragischerweise mit der Janusköpfigkeit des Internets prächtig zu spielen. Doch selbst die Sperrung seines Twitter-Accounts konnte nicht verhindern, dass das zweite Impeachment-Verfahren gegen ihn vor Kurzem scheiterte. Die politische Bühne ist Trump noch lange nicht los – und gerade deshalb ist es, wie Frank Raddatz in seinem von Sophokles und Michel Foucault inspirierten Essay „Trump, Tyrann“ deutlich macht, auch für die Theaterbühne unabdingbar, sich der Figur des Ex-Präsidenten mit schärferen Analysemitteln zu nähern, als es die bisherige Ober­flächenkostümierung aus Perücke und roter Krawatte geleistet hat.

Ja, wäre die Welt doch berechenbar wie ein Algorithmus! Aber was wäre dann? Ganz einfach: Das allgemeine Gefühl von Unkontrollierbarkeit nähme zu. Paradox? Gewiss. Aber genau darin liegt der Kern der Kunst. In der sechsten Folge unserer Reihe Theater und Moral führt uns der Soziologe Dirk Baecker durch die aufregenden und erhellenden Schleifen der Systemtheorie. Im Zentrum steht eine These des österreichischen Kybernetikers Heinz von Foerster, der erklärte, dass es gerade die Unvorhersehbarkeit menschlichen Verhaltens, sprich: die Irritation sei, welche das Gefühl der Kon­trolle erhöhe. Die Kunst als Irritationsgenerator, so Baecker, mache dabei den Panzer gewahr, der uns vor Eindrücken schütze, die die eigene Vorstellungskraft überforderten.

Diesem Ansatz folgte auch der schwedische Dramatiker und Regisseur Lars Norén, der im Januar an einer Covid-19-Infektion verstarb. Die Schauspielerin Anne Tismer erinnert an die gemeinsame Arbeit mit ihm, an das Ringen um Konkretion und die Kraft, die es erfordert, in die Abgründe zu schauen. In unserem Stückabdruck veröffentlichen wir zudem Lars Noréns „Terminal 3“, ein Stück, das im deutschsprachigen Raum noch seiner Erstaufführung harrt.

Für Licht in dieser dunklen Zeit sorgt derweil Miriam Ferstl, deren Arbeiten wir in unserem Künstlerinsert vorstellen. Die Münchner Künstlerin hat vor einigen Jahren ihre Liebe zu Decken­beleuchtungen in Sakralbauten und Theatern entdeckt. Von unten fotografiert, wirken die Zentral­gestirne dieser Gebäude sonderbar lebendig. Fast wie ein Einzeller. Oder ein Virus.

Gut sei es daher, „wenn du jemanden kennst, der ein Theater hat. Und der dich in diesen Tagen hineinlässt“. Unser Kolumnist Ralph Hammerthaler hat dieses Glück in Oberhausen gefunden, wo er nicht nur in der undurchsichtigen Welt der Hooliganszene recherchierte, sondern auch im Gdańska, ­einem polnischen Restaurant, ein beeindruckendes Kunstobjekt entdeckte: ein dickes Stück Holz, umwickelt mit einem Tau. Titel des Werks: „Das letzte Rettungsbrett“. //

Die Redaktion

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