Theater der Zeit

Auftritt

tfn Hildesheim: Zur Freiheit verdammt

„Die unnützen Mäuler“ von Simone de Beauvoir – Regie Elena Hoof, Bühne & Kostüme Patrizia Bitterich, Musik Paolo Artisi, Video & Dokumentation Kolja Hoof

von Josephine Ziegler

Assoziationen: Theaterkritiken Niedersachsen Elena Hoof TfN • Theater für Niedersachsen

Verdammt zur Freiheit, seine eigenen Schlüsse ziehen zu müssen: „Die unnützen Mäuler“ von Simone de Beauvoir in der Regie von Elena Hoof am tfn Hildesheim.
Verdammt zur Freiheit, seine eigenen Schlüsse ziehen zu müssen: „Die unnützen Mäuler“ von Simone de Beauvoir in der Regie von Elena Hoof am tfn Hildesheim.Foto: Tim Müller

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Nur ein Theaterstück hat Simone de Beauvoir geschrieben: „Die unnützen Mäuler“. Nur eine Inszenierung davon hat es bisher in Deutschland gegeben – das war 1949. Nun nimmt sich das Theater für Niedersachsen (tfn) in Hildesheim des Stoffes an. Es ist das Regiedebüt der Körber-Preis-Trägerin Elena Hoof an einem großen Haus. Hochpolitisch wie das Stück, ist auch der Zeitpunkt: Die Premiere findet eine Woche nach dem Beginn des Irankrieges, wenige Tage nach Beschluss der neuen Grundsicherung und einen Tag vor dem Weltfrauen*tag statt. Auf politischer Ebene wird heute ständig von multiplen Dilemmata gesprochen. Können Demokratien Diktatoren angreifen, auch wenn das Völkerrecht es nicht vorsieht? Kann der Sozialstaat Arbeitslosen jede Unterstützung streichen, wenn diese nicht kooperieren? Sind Frauen* gleichberechtigt, wenn sie noch immer an gläserne Decken stoßen?

Auf der Bühne entfaltet sich folgendes Dilemma: Die Stadtbewohner:innen haben den Herzog verjagt, um frei zu sein. Nun sind sie belagert, der Hungertod droht, und es kommt die Idee auf, einige der Einwohner:innen zu opfern (Frauen, Alte, Kinder), damit das ursprüngliche Ziel gerettet werden kann. In verzweifeltem Mut wird derweil weiter am großen Turm gebaut. Er repräsentiert die Idee, welche die Bewohner von ihrer neuen, freien Stadt haben. De Beauvoir fragt in einer Beschreibung zum Stück: „Rechtfertigt der Zweck die Mittel in jedem Fall?“ Die Figuren stehen zwar in komplexen Beziehungen zueinander, mit denen verschiedene moralische Verpflichtungen einhergehen, sind in ihren Sprechakten aber nahezu archetypisch. De Beauvoir nimmt uns im Text mit auf einen Ritt durch die Moralphilosophie der letzten Jahrhunderte, immer vor der Schablone der Schule des Existenzialismus, der sie angehört: der Mensch ist zur Freiheit verdammt. Das Publikum darf ein Lehrstück erwarten. 

Entsprechend hochtrabend und durchaus abstrakt ist das zeitlos gehaltene Bühnengeschehen. Die „sperrige“ Vorlage (Hoof) zeigt sich am tfn in großteils nachvollziehbare Szenen zerteilt. Sowohl die Entscheidungsfindung als auch die mit ihr einhergehenden Konflikte, die Motive, die sich unter dem Druck der Lage entwickeln – der ganze Ablauf ist klar, sogar ohne, dass er groß ausgespielt wird. Die Szenen bestehen beinahe ausschließlich aus Sprechakten. Die Auswahl und innere Logik der Dialoge ermöglichen die Rekonstruktion des Geschehens. Dennoch zeigen die Spielenden mitunter sehr starke Emotionen. Ihre Körper vollziehen, was im Text verborgen bleibt. Sie erstarren, schütteln oder entziehen sich. Wenn die Figuren ihre Leiden benennen, sind es verkopfte. So spricht eine der Hauptfiguren, als sie verbannt worden ist, über Würde, Ehre, Selbstbewusstsein. Was sie aber gerade tatsächlich durchlebt, ob sie hungert, verlassen ist oder Angst hat, bleibt der Fantasie der Zuschauenden überlassen. Wenn ausgespielte Handlungen auf der Bühne stattfinden, bleiben sie derart abstrakt, dass sie kaum etwas zur Sache tun. Oft sind sie ein Symbolismus, den es nicht gebraucht hätte. Beispielsweise wenn an willkürlichen Stellen im Hintergrund Ziegelsteine für den Turm übereinandergeschichtet werden. Auch die Gewalthandlungen des Stückes bleiben angedeutet und symbolisch – was ihnen nicht ihre Wucht nimmt. Da funktioniert die Methode des angedeuteten Spiels gut.

Letztlich liegt in der Abstraktheit des Geschehens die zeitliche und örtliche Übertragbarkeit der debattierten Fragen. In der Emotionalität, welche die Inszenierung dennoch transportiert, liegt der Bruch hin zur Weltlichkeit. Dazu tragen wesentlich Optik und Klang bei. Sie formen einen dramatischen Teppich für moraltheoretisch getränkten Dialoge. Das minimalistische Bühnenbild (Patrizia Bitterich) unterstützt die Universalität. Die quergespannten weißen Vorhänge haben von der Stirnseite gesehen etwas Gespenstisches, wenn sie in der Bewegung der Drehbühne schwingen. In der meist sichtbaren Frontalsicht sind sie zerrissen und ihre Ränder in rotbraun getüncht. Sie sollen nichtverheilte Wunden darstellen, könnten aber auch im ständig über der Szene stehenden Rauch angekokelt sein. Das sieht eklig bis angsteinflößend aus und hinterlegt jede der Sprechszenen mit einem beengenden Gefühl. Dazu die Musik (Paolo Artisi): Von sphärischen Klängen, über Flüsterstimmen bis zu dynamischen Stücken schiebt sie sich auffällig laut immer wieder ins Geschehen. Sie könnte aufdringlich wirken, wäre sie nicht immer nur einen Moment lang als Szenenübergang angespielt.

Die Figuren im Stück gelangen schließlich zur Einsicht, dass die Gemeinschaft nicht zugunsten der Freiheit geopfert werden soll. Im letzten Bild kulminiert die Eindringlichkeit, die die Spielenden, das Arrangement, das Bühnenbild und die Musik gemeinsam zu kreieren vermögen. Dieser Eindruck spricht für sich – und bleibt. Auch wenn keinerlei Elemente direkt auf die Gegenwärtigkeit der moralischen Fragen hinweisen, kann man als informierte Zuschauerin Gedanken an reale politische Situationen in diesen Tagen nicht abwehren. Aber was nun mit den aufgeworfenen Fragen machen? Da ist das Publikum auch zur Freiheit verdammt, seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Erschienen am 13.3.2026

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