Auftritt
Theater der Welt & Humboldt-Forum: Schnaps aus Peking, Schrott aus Chemnitz
„Luftmasse“ (UA) vom Paper Tiger Theater Studio nach Alfred Döblin – Regie Tian Gebing, Choreografie Wang Yanan, Dramaturgie Christoph Leps, Musik Piotr Kurekchy, Visuelles Konzept Ai Weiwei
von Michael Helbing
Assoziationen: Theaterkritiken Dossier: Festivals Alfred Döblin

Erstmal ein Schnaps. Die Sonne knallt am frühen Abend ohnehin hochsommerlich auf den Schädel – und nun also noch Hochprozentiger auf Hirsebasis in demselben. Der berühmt-berüchtigte „Red Star“ aus Peking wird bereits vor dieser Uraufführung gereicht und binnen zwei Stunden, die sie beansprucht, immer wieder mal. Somit soll sich jener Zustand herstellen, von dem sie dann mit Alfred Döblin reden: „Erstickende wilde Hitze schlug durch die Luft. Gegen eine Benommenheit rangen die Menschen auf den schwankenden Schiffen. Sie hielten sich an den Masten und Geländern fest, stierten, lächelten um sich. Sie waren am Hinsinken. Sie träumten: Lass kommen, was will.“
Das stammt aus „Die Enteisung Grönlands“, dem siebten von neun Büchern, aus denen Döblins visionäre Dystopie besteht, die anno 1924 die Menschheitsgeschichte des 21. bis 28. Jahrhunderts imaginierte; die zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg bereits auf die Zeit nach einem dritten vorausblickte. „Berge Meere und Giganten“, so heißt das Werk, antizipierte gleichsam atomare Zerstörung und Klimakrise, Gentechnik oder künstliche Intelligenz, Raumfahrt oder Robotik.
Es handelt sich um einen jener monumentalen und hermetischen Romane, die gemeinhin als unlesbar gelten und jedenfalls im Allgemeinen ungelesen bleiben. Der chinesische Regisseur Tian Gebing hat das eher unbekannte Buch eines sehr bekannten deutschen Autors gelesen – vermutlich mithilfe seines Dramaturgen Christoph Lepschy. Daraus schöpfte er bereits, als er mit seinem örtlich wie gedanklich stetig zwischen China und Deutschland operierenden „Paper Tiger Theater Studio“ 2014 bei Johan Simons an den Münchner Kammerspielen „Totally Happy“ inszenierte, einen Abend zu Macht und Masse.
Von der Ausweitung staatlicher Macht und einem Zeitalter des Kollektivismus spricht er jetzt, wenn er in seiner Performance „Luftmasse“, in der er als Regisseur mit kalkuliertem Humor mehrfach das interventionistische Wort ergreift, vom Roman erzählt. Der liefere, neben Bibel oder Wikipedia, ein Fünftel der Texte auf Chinesisch, Deutsch und Englisch, die in dieser einzigen Eigenproduktion des Festivals „Theater der Welt“ in Chemnitz vorkommen. Für die kooperierte man übrigens mit dem Humboldt-Forum Berlin, über dem sich diese „Luftmasse“ im Herbst zusammenbrauen soll.
Tian Gebing beschreibt auch das Szenario von Bevölkerungswachstum und Ressourcenkrise, von Superstaaten mit Technokraten und Oligarchen, das „der chinesische Schriftsteller Alfred Döblin“ entworfen habe, von einem in Finsternis versinkenden Europa, nachdem es im Uralkrieg mit Asien unterlag, vom Verschwinden von Himmel und Erde. An dieser Stelle ist es Zeit für den nächsten Schnaps: noch einen Gebrannten auf oder gegen diese ganzen Schrecken des Weltenbrandes.
Derart hätte das Publikum wohl idealerweise gleichsam den Verstand verlieren sollen. Rudimentär erkennbar, zielte das alles irgendwie darauf ab, sich in Körper- und Raumerfahrungen zu verlieren. Hilft nur nichts. Das Experiment, das rotzbesoffen gewiss am besten zu ertragen wäre, ist gescheitert: an äußeren Umständen wohl noch mehr als an sich selbst.
Für diese Performance hatte Tian Gebing auf dem Gelände der Chemnitzer Interimsspielstätte Spinnbau die alte und ganz leere Industriehalle 5 als außertheatralischen Ort entdeckt, an dem unser aller „Theater der Wirklichkeit“ verdichtet erfahrbar werden sollte. Das Festival aber hat die Halle bei der Gelegenheit sich und uns dann als Theaterraum erschlossen und entsprechend als Raumbühne eingerichtet. Aus dem anderen, inkommensurablen Ort haben sie einen kommensurablen gemacht.
Was sich zunächst davor, dann darinnen ereignet, mit fünf Performern (vier Frauen, ein Mann; vier chinesische Tänzer, eine österreichische Sängerin; drei Profis, zwei Laien), erschließt sich schon deshalb ästhetisch kaum noch. Hinzu kommt, hört man, ein schmales Budget für ebensolche Probenzeiten: drei Tage Berlin, sieben Chemnitz – und raus damit.
Draußen wie drinnen liegt Kohle auf dem Boden, jeweils zum Symbol einer Rakete oder auch Bombe geformt, zwischen Aufstieg und Fall sozusagen. Die Fläche draußen wird entzündet, auch der weite Umhang einer entmenschlichten Gestalt fängt Feuer. Drei Tänzerinnen, darunter eine wie einem Manga entsprungen, bewegen sich dazu. Die Sängerin intoniert a cappella Gretchen am Spinnrade: Meine Ruh' ist hin … Dann entschwinden sie in die Halle, vor und an deren Tor lauter Gläser mit Asche wie im Archiv arrangiert worden sind: die Asche verbrannter Dinge, nach einem entsprechenden Aufruf aus aller Welt eingesandt.
Zum visuellen Konzept hat der Künstler Ai Weiwei beigetragen. Von ihm stammt in der Videografie des Abends auch die rechte Hand Buddhas, die normalerweise den Frieden symbolisiert, uns hier aber den Stinkefinger zeigt. Denn wir haben die Bomben längst gezündet, soll das wohl heißen.
Für sein Kunstprojekt „Fairytale“ zur Documenta 12 hatte Ai Weiwei einst 1001 Chinesen temporär nach Kassel eingeladen. Tian Gebing schlägt nun vor, 200.000 Chinesen dauerhaft in Chemnitz anzusiedeln, wo es ihm bislang viel zu ruhig zugeht. So zum Beispiel versucht der Regisseur, Döblins Roman von gestern über das Morgen ins Heute zu holen; darin korrelierte bereits Chinas Aufstieg mit dem Untergang Europas, das sich nach Grönland zurückzieht. Und natürlich nimmt seine künstlerische Intelligenz, auch mittels künstlicher Intelligenz, aktuelle Kolonialisierungsdebatten um diese Insel dankbar auf.
Die offensichtlich munter herbei improvisierte Performance mit Tanz und Bewegung, mit viel Text und Bildern ufert indes aus und zerfranst, sie findet zu mehreren Schlüssen, aber kein richtiges Ende. Sie wirkt wie eine große Ideenskizze, deren Umsetzung wieder und wieder nicht gelingen mag.
Einmal stapelt der Regisseur als Theaterarbeiter vier Performerinnen auf eine Schubkarre, die schleppen später in Chemnitz zusammengetragenen Schrott auf die Spielfläche, … Doch alles, was sie hier anfassen, bleibt folgenlos. Es rinnt ihnen durch die Finger. Das Theater der Wirklichkeit verliert gegen die Wirklichkeit des Theaters. Allem Schnaps zum Trotz bleibt das ein ernüchternder Abend.
Erschienen am 24.6.2026



















