Auftritt
Schauspielhaus Bochum: Knackwurst mit Sahnetorte
„Clockwork Orange“ nach Anthony Burgess, übersetzt von Ulrich Blumenbach, in einer Bearbeitung von Claudia Bossard – Regie Claudia Bossard, Bühne, Kostüm Romy Springsguth, Mitarbeit Bühne Sanja Halb, Video, Musik Annalena Fröhlich, Lichtdesign Bernd Feldner
von Stefan Keim
Assoziationen: Theaterkritiken Nordamerika Claudia Bossard Schauspielhaus Bochum

Eine Gruppe trotteliger Uniformierter stellt sich auf. Vielleicht sind es Polizist:innen, vielleicht Gefängniswärter:innen. Sie singen „Freude, schöner Götterfunken“ aus der neunten Sinfonie von Ludwig van. So nennt Alex, der Antiheld des Romans „Clockwork Orange“, den Komponisten Beethoven, den er hemmungslos verehrt. Der Anfang irritiert. Sollen etwa alle Alex sein, der ebenso intelligente wie völlig verrohte Anführer einer Jugendgang? Das würde nicht funktionieren, und bald erzählt Claudia Bossard die Geschichte auch mit verteilten Rollen weiter.
Die legendäre Verfilmung von Stanley Kubrick ist heute weitaus bekannter als der Roman. Die ebenso verstörenden wie stilisierten Kinobilder auf der Bühne nachzustellen, wäre allerdings keine hinreichende Begründung für eine Theaterbearbeitung. Dennoch gehen sie mir den ganzen Premierenabend nicht aus dem Kopf, weil Claudia Bossard keine überzeugenden Alternativen findet.
So wie der Anfang inhaltlich ins Nirgendwo führt, bietet die Regie einen Flickenteppich aus Einfällen. Meist ironisiert sie die Handlung, die Gewalttaten, die Folterungen. Alex wird nach einigen brutalen Verbrechen gefangen genommen und gefoltert. Eine Polizistin (Danai Chatzipetrou) sitzt vor einem Mikrofon, tunkt eine Knackwurst in eine Sahnetorte und beißt ab. Aus den Lautsprechern kommt ein Geräusch, das erst an das Zerbersten von Knochen erinnert, dann an Schlucken und Schmatzen, worauf viele mit Ekel reagieren. Die Szene ist lang, wie vieles in dieser Aufführung, die zweieinhalb Stunden ohne Pause dauert. Immerhin kommt hier eine Ahnung von Widerwärtigkeit rüber, die sonst meistens fehlt.
Alex steht vor der Wahl: Entweder sitzt er 14 Jahre im Knast, oder er nimmt an einem experimentellen Umerziehungsprogramm teil. Für Letzteres entscheidet er sich mit Begeisterung, er will frei sein. Der leitende Arzt wird von Jing Xiang mit Schweizer Akzent und schlecht angeklebtem Schnurrbart gespielt, eine etwas alberne Karikatur. Alex wird mit grauenhaften Videobildern bombardiert, die das Publikum nicht sehen kann. So soll er von seiner Gewaltlust gereinigt werden. Alexander Wertmann als Alex gibt sich zwar alle Mühe, diese perfide Katharsis zu spielen, und manchmal gelingt ihm das auch. Dennoch bleibt die Frage, warum er nicht einfach die Augen zumacht. Das Ensemble zeigt nach dem Experiment als Wissenschaftsteam eine nette Persiflage auf das verlogene Teamleitungsgebrabbel, das heute vielerorts herrscht. Statt einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Stoff gibt es wieder harmlose, selbstironische Späßchen.
Zugegeben, ein bisschen taugt die Aufführung als Gleichnis auf eine Tendenz unserer Gesellschaft, die sich tagesaktuell auch an den zerredeten Reförmchen der Bundesregierung zeigt. Man will schnelle Ergebnisse, laboriert an Symptomen herum und verschiebt die eigentlichen Probleme aufs Irgendwann. Aufs Stück übertragen: Niemand interessiert sich dafür, wie Alex und seine Gang so werden konnten, wie sie sind. Dass eine Gehirnwäsche an einem Einzelnen bei einem sozialen Problem nichts bringt, sagt Alex mit seinem Schlusssatz: „Die Zukunft ist Horrorshow.“
Das Publikum jubelt. Es hat eine sozialkritische Botschaft bekommen und einem engagierten Ensemble zugesehen. Doch „Clockwork Orange“ in Bochum ist auch ein Beispiel für Theater, das politisch sein will und komplett wirkungslos bleibt. Weil die Regie niemals Fragen stellt und alles besser weiß, keine Verunsicherung oder Emotionalität sucht, sondern platte Ironie bevorzugt. Der Zeigefinger wird zum nicht sonderlich zielsicheren Holzhammer.
Erschienen am 4.10.2026


















