Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: edition X – Aufstand in Frankreich (09/2003)

Trostlose Rituale: Das Ritual des theatralen Jahresablaufs im deutschsprachigen Theater blieb bestehen: Der Sommer war erfüllt von schicken Festivals landauf landab, vom Ralswieker "Störtebeker" bis hin zum Hubschrauber-Theater in Salzburg, vom Perser-Theater in Neuhardenberg bis zum Nibelungen-Auftrieb von Worms. Theater, das aufs stellenweise Schamloseste sich verkauft - und verrät? Im Frankreich brach in diesem Sommer die Ferienmauer - alle wesentlichen Theaterfestivals mussten abgesagt werden. Verursacht durch das Scheitern der Verhandlungen über eine Reform der speziellen Arbeitslosenversicherung für die künstlerischen und technischen Zeitarbeiter (Intermittents), erlebte das Land den härtesten Kampfin der Geschichte des französischen Theaters. Er setzt sich derzeit fort - mit zunehmend kulturkritischem Akzent. "Theater der Zeit" dokumentiert in "edition x" diese Auseinandersetzungen, die längst den feuilletonistischen Rahmen gesprengt haben und schonungslose Diagnosen über den Stellenwert von Theater und Kunst in der Gesellschaft des 21. jahrhunderts versuchen.

Ebensolche Diagnosen für das hiesige Theatersystem streben die Organisatoren eines Hearings im Berliner Schillertheater am 3. Oktober an - zehn jahre nach dessen Schließung. Damals ein Menetekel, heute ein scheinbar beliebiger jahrestag? Das deutsche Stadttheater - eingezwängt von seiner zunehmenden Dienstleistungsfunktion bei flächendeckend er Haushaltsnot - ist gut beraten, die Ereignisse in Frankreich akribisch zu verfolgen und auf die eigenen Verhältnisse hin weiterzuschreiben. Aber: Welche Potenzen hat es, die vorgegebene gesellschaftliche Funktionsbestimmung kritisch zu hinterfragen und mitzuwirken an einer "Topografie zeitgenössischer Verheerungen"? "Nur Mut" wünscht "Theater der Zeit".

Die Redaktion

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