Auftritt
Düsseldorfer Schauspielhaus: Mut zur Behutsamkeit
„Die Möwe“ von Anton Tschechow in einer Übersetzung von Angela Schanelec – Regie Barbara Frey, Bühne Martin Zehetgruber, Mitarbeit Bühne Stephanie Wagner, Kostüm Esther Geremus
von Stefan Keim
Assoziationen: Theaterkritiken Nordrhein-Westfalen Barbara Frey Düsseldorfer Schauspielhaus

Pjotr Nikolajewitsch Sorin ist alt. Schon über sechzig, da lohnt es nicht mehr, Geld für Medikamente auszugeben. Er will leben, sagt er. Er hat nie geheiratet, ist nie gereist, hat nichts verwirklicht, was er erreichen wollte. Und jetzt sagt ihm sein Arzt, dass es lächerlich sei, sich in seinem Alter noch etwas vorzunehmen. Immer wieder schläft Pjotr Nikolajewitsch ein. Einmal sieht er aus, als sei er tot. Aber er wacht wieder auf. Ronald Kukulies spielt ihn mit heller Stimme, nie zu laut, aber die Sehnsucht ist zu hören. Pjotr Nikolajewitsch lehnt es ab, realistisch zu sein und alle Hoffnung aufzugeben. Dann schläft er wieder ein.
Barbara Frey erzählt von Menschen. Sie macht aus Tschechows „Möwe“ kein Thesenstück, wie es gerade häufig passiert. Klar geht es auch hier um die Auseinandersetzung zwischen „neuen Formen“ des Theaters und einem alten, müden, konventionellen Kulturbetrieb. Der schon mit Mitte zwanzig nicht mehr jung wirkende Kostja (Marin Blülle) hat ein schwafelnd-sperriges Theaterstück geschrieben, mehr Ausdruckswille als Können. Er will es seiner Familie und den Freunden zeigen. Die junge Nina riskiert es, von ihrem diktatorischen Vater verstoßen zu werden, und spielt Kostjas Monolog, den sie selbst nicht versteht. Es ist die Welt des Theaters und der Kunst, die sie anzieht. So steht es bei Tschechow, und so spielt es das Düsseldorfer Ensemble auch. Mit vielen Abgründen und Andeutungen.
Es lohnt sich immer wieder, in diese Menschenzeichnungen abzutauchen. Gerade wenn sie nicht als debattenverwertbares Gleichnis auf die heutige Gesellschaft inszeniert werden. Das Bühnenbild von Martin Zehetgruber rückt die Handlung sanft in die Gegenwart und bricht mit den Tschechow-Klischees, wie sie in der Nachfolge Peter Steins entstanden sind. Auf dem Landgut des Bruders der Schauspielerin Arkadina dampft kein Samowar, und es gibt auch keine historischen Kostüme. Billig aussehende Gartenmöbel stehen vor einer Bretterwand, Gras wächst scheinbar unkontrolliert an den Rändern. Alles ist ein bisschen ungepflegt.
Eine ideale Atmosphäre, um Menschen zu zeigen, die aneinander vorbeilieben, sich durch fehlende Empathie quälen und dabei überhaupt nicht bemerken, wie sehr sie das Leben der anderen vergiften. Anna Schudt spielt eine Arkadina, die mit dem Älterwerden hadert und alle Manipulationsmöglichkeiten einsetzt, als ihr Geliebter Trigorin (Guy Clemens) sich der jüngeren Nina zuwendet. Es gelingt ihr, ihn zurückzuerobern, doch sie spürt, dass das kein Triumph ist. Sie hat noch einmal den Status quo bewahrt. Mehr nicht.
Unaufdringlich setzt Barbara Frey einige stimmige atmosphärische Akzente. Aus einem alten Radio tönen nostalgische Songs. Der Arzt (Claudius Körber) singt manchmal selbstvergessen Barockmusik im Falsett. So kann er sich wegblenden aus der allgemeinen Lethargie. Leise und sanft spielen Sera Ahamefule als Nina und Marin Blülle als Kostja ihren Dialog kurz vor dem Ende. Ein ehrlicher Austausch, eine Annäherung, eine Umarmung. Dann knallt ein Schuss. „Die Möwe“ ist kein Überwältigungstheater, sondern eine Aufführung mit Mut zur Behutsamkeit. Mit knapp zweieinhalb Stunden ohne Pause ist sie ein bisschen lang geraten. Aber es bleiben viele bewegende Momente.
Erschienen am 20.10.2026


















