Freeing the Natural Standard
Von Lauten, die schmecken wie gelbe Freude
von Philipp Weigand
Erschienen in: Edition Bayerische Theaterakademie August Everding 4: Sprechen Gestalten – Sprechen in Theater, Ausbildung und Praxis (10/2026)
Wer Sprechbildung an einer Schauspielschule unterrichtet, erlebt häufig, dass Studierende zwar an der korrekten Umsetzung der Standardaussprache interessiert sind. Deutlich geringer fällt jedoch meist die Begeisterung für tradierte Vorstellungen von Korkensprechen und plumpen Lauthäufungen aus – nicht ohne Grund.
Denn wer absichtsvoll verstanden werden will, spricht nicht einfach nur deutlicher, sondern mit allen Sinnen. Dass verschiedene Laute unterschiedliche physiologische Bedingungen mit sich bringen, gehört zur phonetischen Binsenweisheit. Ebenso bekannt ist, dass Studierende mit sehr unterschiedlichen Sprech- und Hörbiografien, Dialekten sowie mentalen und körperlichen Voraussetzungen in die Ausbildung kommen.
Wirklich spannend wird es jedoch dort, wo diese Beobachtung nicht im Mundraum stecken bleibt, sondern als Ereignis begriffen wird, das in Körper und Geist gleichermaßen Resonanz auslöst. Ein Laut sitzt eben nicht nur vorn oder hinten, hoch oder tief, sondern verändert Haltung, Spannungszustand, Blick, Atem und Geste. So wie ein Seufzer nicht nur zwischen Brustbein und Zwerchfell wirkt, sondern den Innen- und Außenraum der Sprecherin/des Sprechers über den Solarplexus bis in Hand, Fuß und Vorstellung hinein durchzieht. Und gerade für die Arbeit an der Standardaussprache, die häufig allein über Regelwissen und Korrektur gesichert wird, ermöglicht diese Einsicht das Potenzial eines sprecherischen Erlebnisses, in welchem Klang, Körper, Bedeutung und Emotion nicht voneinander zu...















