Theater der Zeit

Auftritt

Landesbühne Niedersachsen Nord: Zwischen Besonnenheit und Gewalt

„Das Feuerschiff“ nach Siegfried Lenz – Regie Michael Uhl, Bühne und Kostüme Thomas Rump

von Jens Fischer

Assoziationen: Niedersachsen Theaterkritiken Landesbühne Niedersachsen Nord

Unter Deck der Moral: „Feuerschiff“ an der Landesbühne Niedersachsen Nord
Unter Deck der Moral: „Feuerschiff“ an der Landesbühne Niedersachsen NordFoto: Volker Beinhorn

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„Moin!“ lautet die Begrüßung an Bord, als Heuerschein wird die Eintrittskarte bezeichnet, der Wettergott schickt stimmungskorrekt düstere Wolken und wütende Schauer vorbei, Möwen segeln kreischend vorüber. Vier Schauspieler:innen geben mit kernig sonorer Stimmkraft und seebärig aufgepumpter Aura die Besatzung des Feuerschiffs „Norderney“, das in „Wilhelmshaven“ umgetauft wurde, weil es dort als Museumsschiff am Bontekai festgemacht hat. Schräg gegenüber vom Liegeplatz befindet sich „TheOs“, die kleine Spielstätte der Landesbühne Niedersachsen Nord. Theater als Nachbar eines schwimmenden Leuchtturms – da liegt ein gemeinsames Projekt, und dazu die Assoziation Siegfried Lenz, nahe. Der veröffentlichte 1960 die inzwischen etwas eingestaubte Schullektüren-Novelle „Das Feuerschiff“. Diese bemannten Seezeichen warnten einst vor Nebel, Sandbänken und Minenfeldern. Bis 1988 waren sie in der Nordsee stationiert. Die 1907 von der AG Weser in Bremen gebaute „Norderney“ wurde bereits 1981 außer Dienst gestellt – und durch eine große Leuchttonne ersetzt. Nun wird sie, schmuck restauriert, vom Publikum der „Feuerschiff“-Theaterpremiere entdeckt. Die Doppelstockbett-Kabinen sind hergerichtet, als wären sie noch bewohnt, zu reparierende Technik steht auf dem Tisch, Schnarchen dröhnt aus den Betten, Klamotten liegen auf dem Boden. Spartanische Gemütlichkeit verströmt die Messe, im Ölduft ruhen die 310 Pferdestärken des Sechszylindermotors. Die Unter-Deck-Führung des Ensembles ist so informativ wie gehetzt, denn möglichst schnell soll die Handlung starten. Kapitän Freytag (Andreas Möckel) entdeckt havarierte Menschen im Meer und ruft zur Rettung auf. Die komplizierten Folgen sind nach einem Spaziergang im Theater ersichtlich. Wobei sich die gesammelten Eindrücke von der Enge, den Aufgaben und den täglichen Arbeiten an Bord des Stahlkolosses als prima Vorbereitung erweisen. Eine ungewöhnlich reizvolle Exposition des Dramas.

Ausstatter Thomas Rump hat als Spielort eine Zuschauertribüne bauen lassen, damit das Publikum merkt, hier wird etwas aus unserem Leben gespiegelt. Zudem taugt die Installation bestens zur Illustration der zunehmenden Unordnung der Verhältnisse. Erst werden nur einzelne Stühle des Bühnenbilds verrückt, dann welche entnommen, schließlich auch in den Raum geworfen. Auslöser der Chaotisierung sind die an Bord geholten Schiffbrüchigen: schwer bewaffnete Kriminelle auf der Flucht. Sie wollen fix weiterfliehen, da aber ihr Kahn wie auch das Rettungsboot des Feuerschiffs defekt sind, soll dieses die Anker lichten. Die Mannschaft propagiert aktiven Widerstand. Der Kapitän fürchtet, dabei könnte von Waffen tödlicher Gebrauch gemacht werden. Außerdem will er unbedingt verhindern, dass das Schiff seine Position verlässt, denn dann wäre die sichere Fahrt anderer Schiffe nicht mehr garantiert. Die zu gewährleisten ist seine Pflicht, das Wohlergehen der Besatzung liegt in seiner Verantwortung. Weswegen sein zu Nachgiebigkeit bereites, zu Gewaltlosigkeit verpflichtetes Handeln auf Risikovermeidung setzt. Er steht für passiven Widerstand. In dieser verfahrenen Lehrstücksituation verlieren am Ende alle. Die sowohl aktive wie auch passive Gewalt sorgt für Gegengewalt. Am Ende wird die Wasserschutzpolizei Tote auf dem Schiff vorfinden.

Regisseur Michael Uhl hat als Autor der Textfassung den Vater-Sohn-Konflikt aus der Geschichte gestrichen, um sich mit einer ansonsten linearen Nacherzählung ganz dem inneren Konflikt des Kapitäns zu widmen, der als emotionale Zerreißprobe in der Kammerspielform eines Psychokrimis zu erleben ist. Die Figuren bleiben beispielhafte Typen. Nur fürs zentrale Duell werden lebensnahe Charaktere angedeutet. Andreas Möckel spielt die Zerrissenheit des Kapitäns überzeugend, gibt den erfahrenen Seemann unbeirrbar anständig zwischen Zaudern, verbaler Selbstbehauptung und körperlicher Auflehnung. Reizvoller ist wie immer die Inkarnation des Bösen. Simon Ahlborns Caspary glänzt in selbstsicherer Arroganz, ist gebildet, eloquent und mit dem Charme eines Narzissten nur am eigenen Vorteil interessiert. Ein echter Bond-Bösewicht. Aber einer, der sich die Erkenntnis leistet: „Jeder Mensch gleicht seinem Gegner, zu keinem findet er ein intimeres Verhältnis.“ Es folgt die Bewunderung der Vorsicht und Standfestigkeit seines Gegners – und das Buhlen um Verständnis. Sei die schlimme Kindheit doch der Grund seiner gesellschaftlich sogenannten Asozialität, die Caspary „Lebenshunger“ nennt. Den er gegen den Ordnungswillen des Kapitäns feiert, diesen „Triumph der Phantasielosen“. Anne Weise und Henryk Rościszewski spielen die Schiffs-Crew mit Mütze, die Gangster-Crew ohne Mütze und schwanken dabei gekonnt zwischen angstvoller Aggression und kalter Brutalität.

Die Inszenierung kommt wie die Vorlage daher: Ruhig, sachlich, präzise, konkret, verständlich laufen die Szenen auf gewichtige Aussagen zu, etwa Freytags Bekenntnis zur Besonnenheit: „Ich war nie ein Held, und ich möchte auch kein Märtyrer werden; denn beide sind mir immer verdächtig gewesen: Sie starben zu einfach, sie waren auch im Tod ihrer Sache noch sicher – zu sicher […] manchmal glaube ich, dass hinter diesem Wunsch, sich um jeden Preis den Gewehrmündungen anzubieten, der schlimmste Egoismus steckt.“ Trotz der inszenatorischen Klarheit bleibt die Grundspannung der chronischen Bedrohung hoch. Sehr gelungen auch, wie sich der permanente Ausnahmezustand zu Dialogen verdichtet. Das Ensemble spricht atmosphärische Beschreibungen ein.

Nur zum Finale wird chorisch artikuliert, ein distanzierender Bruch des eindringlichen Spielflusses, damit auch wirklich jede:r vom Mitfühlen zum mitdenkenden Verknoten der ausgelegten Gedankenfäden wechselt. Und vielleicht die Überzeugung teilt: „Das Feuerschiff“ ist ein sehr gelungener Saisonstart.

Erschienen am 27.8.2026

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