Theater der Zeit

Auftritt

Kaserne Basel: Wirklichkeit erscheint

„Kids“ – Konzept, Text und Regie Boris Nikitin, Director of Photography und konzeptuelle Zusammenarbeit Tšeliso Monaheng, Director of Photography Bantu Mahlangu, Sound Matthias Meppelink, Video Robin Elias Nidecker, Kostüm Nthabiseng Makone

von Annette Hoffmann

Assoziationen: Theaterkritiken Schweiz Dossier: Bühne & Film Boris Nikitin Kaserne Basel

Chioma Mphelo, Chrisophocus Seboka, Kenzo Hendrix, Nidaa Husain und Thabang Chauke in "Kids"
Chioma Mphelo, Chrisophocus Seboka, Kenzo Hendrix, Nidaa Husain und Thabang Chauke in "Kids"Foto: Bantu Mahlangu

Anzeige

In zwölf Sekunden haben wir viermal geatmet. Zwölf Sekunden beträgt die Zeitspanne zwischen dem Geschehen in Johannesburg und der Filmprojektion auf die Großleinwand in der Basler Kaserne. Sie sind der Datenübertragung geschuldet und manchmal werden die Gesichter der fünfköpfigen Gruppe, die wir vom Theatersaal aus durch die südafrikanische Metropole begleiten, zu Artefakten. Die Bildstörungen sind auch ein Marker dafür, dass das, was wir in den folgenden knapp zweieinhalb Stunden von „Kids“ hören und sehen werden – eine Inszenierung ist inmitten einer Stadt, die sich auf das Wochenende vorbereitet.

Johannesburg selbst ist kaum zu fassen. Das an diesem Abend überwiegend weiße Publikum in der Schweiz würde sich hier wahrscheinlich nicht ganz so unbeschwert oder überhaupt nicht durch die Nachbarschaft bewegen. Als eine Armbanduhr eingeblendet wird, ist es 18.13 Uhr in Johannesburg (ebenso in Basel und Lugano, wo „Kids“ auch live übertragen wird), wir haben Lagerhallen hinter uns gelassen, Marktstände an der Straße, auf einer Wand „Do not pee here!“ gelesen und sehen nun Einfamilienhäuser. Einer löst sich aus der Gruppe und weist auf die Standardisierungen hin: überall Backsteinmauern, Wellblechdächer, Vorgärten, Zäune, Hunde. Die drei Männer und zwei Frauen (Chioma Mphelo, Chrisophocus Seboka, Kenzo Hendrix, Nidaa Husain, Thabang Chauke) sind unsere Guides und unsere Geschichtenerzähler. Sie sind in ihren Zwanzigern, tragen Streetwear mit ein bisschen Glamour. Hinter ihrer Coolness scheint Verletzlichkeit auf. Er sei kürzlich für einen Dokumentarfilm gecastet worden, erzählt Seboka, und von dem Team gefragt worden, ob er nicht Angst habe, durch diese Gegend zu laufen. Er macht eine Pause, das Projekt habe sich zerschlagen, führt er aus, nicht weiter schlimm, das Voyeuristische des Genres, etwas Unbekanntes enthüllen zu wollen, sei ihm sowieso unangenehm.

Der Schweizer Autor und Regisseur Boris Nikitin ist für seine Auseinandersetzung mit dem Dokumentarischen bekannt und für die programmatischen zwölf Sekunden, die Wirklichkeit auf der Bühne und im Film als Inszenierung ausweisen. Inzwischen sind wir in Maboneng: Nikitins Kollaborationspartner, das Market Theatre Laboratory und das von William Kentridge mitbegründete Center for the Less Good Idea, befinden sich hier. Das Stadtzentrum von Johannesburg war auch die Machtzentrale des Apartheidstaates. Mit Ende der Apartheid verschwanden die Weißen aus dem Central Business District an die Ränder. Das Zentrum verwahrloste erst und wurde dann von Kunstschaffenden entdeckt. Die Kamera fängt beleuchtete Hochhausfassaden ein, den Gandhi Square, die Absperrungen einer bewachten Wohnanlage. Doch noch immer gibt es Regeln, so Chioma Mphelo, wer von A nach B laufen darf.

In „Dämonen“ hatte Nikitin 2022 zusammen mit Sebastian Nübling am Theater Basel das Konzept eines geskripteten Stadtparcours erprobt. In Johannesburg geht es nicht allein um das Gefühl einer Jugend, die mehrfache Krisen erlebt hat, „Kids“ erzählt anhand der Architektur von Ausgrenzung, Rassismus und persönlichem Widerstand. Nikitins Partner vor Ort Tšeliso Monaheng (Director of Photography und Konzept) ist in seiner Vielseitigkeit exemplarisch für die südafrikanischen Künstlerinnen und Künstler. Er ist Journalist, Filmemacher und ein Kenner der Musikszene; auch die fünf Darstellerinnen und Darsteller arbeiten interdisziplinär. Sie greifen den Rhythmus der Stadt auf, bewegen sich wie ein Organismus, ziehen das Tempo an und können Längen mitunter doch nicht verhindern. Vor allem halten sie ihr Gesicht so nah an die Kamera, dass man jede Pore der Haut sehen kann. Als ob diese Nähe für Authentizität stehe – das tut sie nicht. Die Geschichten von der Flucht in die Metropole, von Outings, psychischen Erkrankungen und manipulativen Beziehungen könnten ihnen passiert sein oder auch nicht. Nikitins Text reflektiert nicht allein über Reales und Fiktives, er bezieht sich auch auf literarische und kulturwissenschaftliche Vorlagen der Moderne, die spiegeln, wie es Menschen erging, die erstmals in Großstädten lebten und mit Ticks, Selbstgesprächen und Distanz auf so viel Nähe, Reize und Enge reagierten. Sie gehören auch zu dieser kollektiven Stimme.

Erschienen am 6.10.2026

teilen:

Assoziationen

Neuerscheinungen im Verlag

Theater der Zeit 9/2026
Theater der Zeit 9/2026
Theater der Zeit Cover Juni 2026
Theater der Zeit Cover Mai 2026 – Florentina Holzinger

Anzeige