Auftritt
Lausitz Festival: Pathos-Supernova im Hangar
„Hamlet“ von William Shakespeare – Regie Marcel Kohler, Bühne und Kostüme Torsten Köpf, Musik Christoph Bernewitz, Laute Jonas Nordberg, Licht Henning Streck, Dramaturgie Michael Höppner
von Lina Wölfel
Assoziationen: Theaterkritiken Brandenburg Dossier: Festivals Corinna Harfouch Marcel Kohler Lausitz Festival

Die Welt ist aus den Fugen. Der König ist tot. Seine Leiche aufgebahrt in der Mitte eines Hangars auf dem ehemaligen Militärflughafen in Cottbus. Dem Land droht ein jäher Umsturz. Tag für Tag wird Geschütz gegossen, im Ausland Kriegsgerät gekauft. Davon sprechen die hohen Decken, ihre riesigen Metallstreben, das mit kugelsicheren Westen und Sturmhauben ausgestattete Einlasspersonal, die sowjetischen Panzerabwehr- und Divisionskanonen auf dem Vorplatz der Halle. Es baut sich eine Drohkulisse auf, zwischen gläsernem Systemraum und spärlich ausgeleuchteten Fertigungshallen. Beim Eintreten ein kurzer Blick auf flackernde Grabkerzen, auf Schädel in einem Getränkekühlschrank, auf ihnen die Namen der Schauspieler:innen, gut konserviert oder eher präpariert? Ein blecherner Knall, Horatio stößt die wuchtige Metalltür des Hangars zu. Es hallt nach. Es geht los. Kein Entkommen.
Hamlet also. Hamlet, der Schwamm, der, spielt man ihn nicht stark stilisiert oder antiquiert, „so gleich die ganze Gegenwart in sich auf[saugt]“. Hamlet, der Erbe einer beschmutzten Krone, dessen Onkel (Claudius) gemeinsam mit seiner Mutter (Gertrud) den Vater tötete und kaum eine Woche später die Witwe heiratete. Hamlet, der von diesem Mord durch den Geist seines Vaters erfährt. Der aufgefordert wird, ihn zu rächen. Hamlet, der sich seiner Identität, der Zuschreibung einer herrschenden Gesellschaft, zu entziehen versucht. Der zwischen Zweifel, Trauer und kalkulierter Verstellung zunehmend eine Kettenreaktion aus Überwachung, Intrigen und Mord auslöst. In die nicht nur eine Schauspieltruppe, deren Stück Claudius’ Schuld prüfen soll, involviert ist, sondern auch Hamlets Kindheitsfreund Laertes, dessen Mutter Polonius, die Hamlet unabsichtlich tötet, und seine große Liebe Ophelia (Dagna Litzenberger Vinet), die seine Zurückweisung im Wahn nicht erträgt und sich deshalb suizidiert, bevor der Rest sich eh blutrünstig erschießt, absticht oder selbst tötet.
Marcel Kohler, der mit seiner „Hamlet“-Inszenierung das Lausitz Festival eröffnet, versucht Handlung und Titelfigur aus dem privaten Familien- und Seelendrama in eine politische Nachgeschichte des Umsturzes zu rücken. Wesentlich ist nicht die Tat, der Mord am König, sondern eine Welt, die sich auf dieses Verbrechen eingerichtet hat, eine Herrschaftsordnung, deren Gewalt fortdauert und alle Figuren prägt, so engagiert diese sich auch aus ihr zu befreien versuchen. Kohler löst die paradoxe Formel des väterlichen Über-Ichs in einer dämonischen Besetzung des jungen Hamlets durch seines Vaters Geist auf, der diesen immer wieder durchfährt. Zeitweise spricht Götz Schuberts (Claudius) Stimme, während Linn Reusse (Hamlet) ihre Lippen bewegt. Die junge Generation vermag es nicht, sich der patriarchalen Gewaltordnung zu entziehen, immer wieder wird sie zurück in ein durch Loyalitätszwang, Rache, Blut und Verdrängung beschädigtes Erbe gezwängt. In diesem Sinne ist der Lausitzer „Hamlet“ erstaunlich gegenwärtig: als Drama einer Generation, die die Last der elterlichen Vergangenheit trägt und unter diesen Bedingungen an der Herstellung einer eigenen Zukunft scheitert. Egal, ob man das jetzt auf Russland, Ostdeutschland, Monarchien oder Milliardärskinder bezieht.
Das ist also Götz Schubert, der, egal ob als herumspukender und krakeelender Geist des toten Hamlets (also des alten, des ehemaligen Königs) oder als anbiedernder, cholerischer Onkel Claudius, für all das steht, was man sich von Vätern, Politikern und Ehemännern nicht wünschen würde – streng, kalt, gewissenslos. Da ist die Grand Dame Gertrud, prominent besetzt mit Corinna Harfouch, als zwiegespaltene Frau, die durch den Mord an ihrem Mann selbst Handlungsmacht erfährt und gleichzeitig an den Auswirkungen ihrer Tat auf ihren Sohn zerbricht. Harfouch spricht den Shakespeare mitunter so bedeutungsschwanger, dass man sich seiner Bedeutung nicht mehr sicher ist, auf spielerischer Ebene gelingt ihr die abtrünnige Zerrissenheit jedoch herzergreifend, wenn sie etwa durch den Mord an Polonius wieder eine Verbindung zu ihrem Hamlet aufbaut und sich nach dessen Tod zum Sterben an ihn schmiegt.
Ach ja, Hamlet, Linn Reusse. Die kostet sichtlich jede Minute ihres Spiels aus. Zunächst melancholisch, findet sie in den Schriften Ayn Rands, in der Kunst, im Austausch mit Ophelia, etwas, das sie belebt. Fortan kämpfen diese anarchische Seite und der Dämon patriarchaler Ordnung in ihr. Reusse legt sich in den Wahnsinn, suhlt sich darin, schreit, springt, tanzt, stachelt die Laienspielgruppe für ihren Enttarnungsstreich an, erlaubt sich am Bühnenbild-eigenen Swimmingpool natürlich einen Scherz auf das Volksbad an der Volksbühne, gibt alles zum Besten, was man in der Schauspielschule lernt und dann – vor allem als Frau im klassischen Rollenrepertoire – nie wieder anwenden darf. Da wird Einrad gefahren, der innere Clown bedient, Coldplays „Those who are dead are not dead, They’re just living in my head“ ins Mikro gesäuselt. Das wirkt leidenschaftlich, aber wenig innovativ.
Es ist die Kunst, sich in Reduktion zu üben. Auf das Wesentliche zu konzentrieren, und das fein auszuarbeiten. Marcel Kohlers „Hamlet“ ist schlichtweg zu überladen. Mit Peter Handke, ein bisschen Ferdinand Freiligrath und viel Heiner Müller, dessen „Hamletmaschine“ wie ein Clown in jeder Atempause aus der Schachtel hüpft. Mit einer Live-Laute (Musiker: Christoph Bernewitz und Jonas Nordberg), die die ohnehin pathetischen Momente dank pathetischer Akkorde noch zur Pathos-Supernova werden lässt. Und dann kommt die Immersion. Während der Pause ist es möglich, durch die Räume des Hangars zu schleichen, und so Gertruds Notizbuch, Hamlets Kunstschuppen und Ophelias tropfsteinhöhlenartiges Kämmerlein zu erkunden. Da tun sich Welten auf. Und sind doch zur Wirkungslosigkeit verdammt. Dieses verschenkte Potenzial tut fast weh. Man sehnt sich noch nach dieser Intimität, wenn das Publikum anschließend geteilt wird und die Handlung bis zum Grand Finale in zwei Gruppen erlebt. Eigentlich ganz nice, nicht alles vom Geschehen mitzubekommen. Nur zu hören, wie auf der anderen Seite des Raumes Polonius ermordet wird, während Ophelia vor uns um ihr verlorenes Kind trauert. Da ist sie, die Hatz, der Stress, der Wahn, die Paranoia. Man hört eilige Schritte, Vasen, die umfallen, Türen, die zuschlagen. Der Hangar verwandelt sich in ein Horrorhaus. Und dann: jetzt bitte wechseln, wir spulen zurück, Sie erleben jetzt die andere Seite, bevor zum finalen Gemetzel alle wieder schön auf ihren Tribünen-Stühlchen sitzen. Wofür der Aufwand?
Hamlet bleibt Hamlet bleibt Shakespeare. So sehr auch Leander Burckhardt als Laertes und Sina Kießling als Polonius ihn mit ihrer herrlich reduzierten, unaufgeregten Spielart zu beruhigen versuchen. Wenn dann am Ende Tom Gramenz als Horatio eine Drohne in die Luft steigen lässt, dann schlägt das natürlich eine historische Brücke vom Cottbuser Hangar nach Helsingør zum Münchner Rüstungs-Start-up „Helsing“, das sich auf Drohnentechnik spezialisiert hat. Die Message versandet jedoch wie viele an diesem Abend unterm Effekt. „Mehr Inhalt, weniger Kunst“ möchte man Shakespeare da gern zitieren. Vor allem, wenn man sich den Inhalt so ausschweifend anmaßt.
Erschienen am 1.9.2026






















