Theater der Zeit

Auftritt

Luzerner Theater: „The Mute“ strikes back

„Der zerbrochne Krug“ von Heinrich von Kleist in einer Überschreibung von Fritzi Wartenberg – Regie Fritzi Wartenberg, Bühne Polly Stephan, Kostüme Esther Von der Decken, Musik David Rimsky-Korsakow, Licht Petri Tuhkanen

von Leonard Haverkamp

Assoziationen: Schweiz Theaterkritiken Fritzi Wartenberg Luzerner Theater

Wildwest vor glutrotem Himmel: „Der zerbrochne Krug“ nach Kleist am Luzerner Theater in einer Überarbeitung und der Regie von Fritzi Wartenberg.
Wildwest vor glutrotem Himmel: „Der zerbrochne Krug“ nach Kleist am Luzerner Theater in einer Überarbeitung und der Regie von Fritzi Wartenberg.Foto: Tanja Dorendorf

Eben wurde sie noch von den breitbeinig kartenspielenden Cowboys angegangen, plötzlich steht Annina Hunziker auf dem Tresen des auf der Vorderbühne des Luzerner Theaters eingerichteten Saloons. Sie wird vom Tag erzählen, an dem Deputy Lights „Glaube an Recht und Ordnung zerfiel“. Einer der Cowboys bläst in die Mundharmonika, spielt ihr das Lied vom Tod. Der schwere rote Vorhang hinter ihr öffnet sich und gibt eine silbergraue Canyon-Landschaft frei.

Für ihre zweite Luzerner Inszenierung hat Regisseurin Fritzi Wartenberg Kleists „Krug“ in den Wilden Westen versetzt. Gerichtsschreiber Licht – bei Kleist die rechte Hand des sich um die eigene Schuld windenden Richters Adam – macht sie in einer angedichteten Rahmenhandlung zum rückblickenden Erzähler, der Kleists bekannten Stoff als revolverrauchende Westerngeschichte wiedergibt.

Den Klassiker hat Wartenberg gerafft, hier und da umgestellt, etwas modernisiert. Die zentralen Sätze, auch die Statik, bleiben erhalten, der Text atmet weiter Kleists Humor. So poliert liest sich das schön rotzig, etwas leichtfüßiger. Hier und da macht Wartenberg es derber, wenn aus einer Metze eine „Schlampe“ wird oder aus einem Flickschuster ein „Schuhficker“. Und weil sich das Geschehen jetzt in „Highsun“ zuträgt, wird aus Schreiber Licht „Deputy Light“ und aus dem Richter „Sheriff Adam“.

Auf Polly Stephans Bühne ist – Wüstenlandschaft, Kaktus, eine glimmende weiße Sonne – alles zweidimensional und entsprechend der Rückblende in Schwarz-Weiß gehalten. Auch Esther Von der Deckens Kostüme im Westernlook folgen dem Farb(los)schema. Sein Tribunal hält Christian Baumbachs Richter-Sheriff von einem Aufsteller-Pferd aus. Hintendrauf rückt ihm Carina Thurners Gerichtsrat „Judge Walter“ buchstäblich wie sprichwörtlich zu Leibe. Die Vorgeladenen – die Betroffene Eve, ihre Mutter „Mrs. Martha“ und ihr Verlobter „Russel“ – verfolgen das Verhör auf dem Rücken der Aufsteller-Kühe, die die Justiz flankieren, bis sie für ihre Aussagen auf einen Strohballen aufgerufen werden.

Zunächst scheint es so, als würde die Regisseurin der Autorin, also sich selbst, einen Bärendienst erweisen. Zwar gibt Baumbach seinen Adam charismatisch-unverbesserlich und Hunziker ihren Deputy beflissen-wirbelnd. Jedoch ist das Spiel durch die Bank allzu gestenreich, oft laut – dem Text nicht immer dienlich. Wie in einem Schusswechsel jagen sie sich die Sätze um die Ohren – die so immer das gleiche Gewicht haben. Phasenweise wandelt die Inszenierung breitbeinig auf dem Boulevard, dann und wann gefährlich nah an der Abbruchkante zum Klamauk.

Und was sollen eigentlich diese hysterischen, wimmernden Frauenfiguren? Allen voran Fabiola Octavia Strugallas Eve, die – wenn auch in der Vorlage schon eher Randfigur bei der Verhandlung des an ihr begangenen sexuellen Übergriffs – allen Regeln der Kanon-Frauenfiguren gerecht zu werden scheint. Komisch, steht Wartenberg doch spätestens seit „Elisabeth!“ eher für feministisches Empowerment.

Dorfrichterliche Geschäfte im Wilden Westen: Das Schauspielensemble des Luzerner Theaters in „Der zerbrochne Krug“ nach Kleist in einer Überarbeitung und der Regie von Fritzi Wartenberg. .Foto: Tanja Dorendorf
Statt Gerichtsstube ein Saloon: In „Der zerbrochne Krug“ am Luzerner Theater wird die Theke zum Schauplatz prüfender Blicke.Foto: Tanja Dorendorf

Hinweise liefern Unterbrechungen der Erzählung des Deputys, bei denen die Zuhörer:innen im Saloon aus dem Off „Plotholes“ und andere Unstimmigkeiten bemängeln, während Petri Tuhkanen die Rückblende kurz in orange-blauem Licht auflöst.

Als dann moniert wird, dass „Pferdefuß“ und „missgeschaffen“ nun wirklich keine zeitgemäßen Bezeichnungen für eine Gehbehinderung sind, wirkt das zunächst wie ein müder Versuch, den bis dato recht herkömmlichen Kleist auf den letzten Metern zu relativieren. „Hättest du die Geschichte nicht einfach anders erzählen können? Ohne diesen ganzen Scheiß zu reproduzieren?“, wird Erzähler Light kritisiert, der zunächst auf dramaturgische Notwendigkeiten verweist.

Als plötzlich ein coltschwingender Cowboy den Saloon betritt, offenbart sich der eigentliche Clou. Es muss „The Mute“ sein, bei dessen Erwähnung die Saloongäste schon in der Eröffnungsszene bibberten: „Wanted – dead or alive“, heißt es auf den um die Bühne verstreuten Plakaten. Als der Neuankömmling nach einem Zug aus der Whiskyflasche hickst, erkennt der Deputy sein Gegenüber: Eve! Klar wird nun, warum sich das stille Opfer lieber bedeckt hielt – hatte Eve doch selbst den Krug zerdeppert und den Prozess so in Gang gebracht! Weil Adam nach kurzem öffentlichem Eklat aber fester denn je „im Sattel sitzt“, bleibt Eve in einer Welt, in der es „keine Gerechtigkeit gibt“, nur Rache – die sich nun revolverschwingend nach Highsun aufmacht.

Interessant macht diese Inszenierung, dass sich Wartenberg gewissermaßen zu schade ist, das feministische Einmaleins herunterzubeten. Statt sich am Kanon und dessen (i. d. R. männergemachten) Problemen abzuarbeiten, traut sich Wartenberg einen lustvoll-rotzigen „Krug“, der zwischendurch an so manche Grenze des guten Geschmacks geht und erst spät Haltung zeigt. Dann aber schießt sie mit einem schnell gezogenen Colt aus der Hüfte – in eine gerade wieder besonders mit i. d. R. männergemachten Problemen strauchelnde Welt.

Erschienen am 22.10.2026

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