Auftritt
Oper Genf: Zauber ohne Magie
„The Tempest“ Oper von Frank Martin nach William Shakespeare – Musikalische Leitung Thierry Fischer, Regie, Bühne und Kostüme Netia Jones, Lichtdesign Malcolm Rippeth, Video Lightmap
von Georg Rudiger
Assoziationen: Schweiz Musiktheater Theaterkritiken Grand Théâtre de Genève (Oper Genf)

Bei seinem Abschied aus Genf hat es der frühere, an die Deutsche Oper Berlin gewechselte Intendant Aviel Cahn im Sommer nochmals richtig krachen lassen – mit der bunten, politischen, grellen, lauten Frank-Zappa-Show „200 Motels“. Alain Perroux, der aus Straßburg gekommene neue Intendant des Grand Théâtre de Genève, hat nun seine Intendanz mit Frank Martins selten gespielter Oper „La Tempête“ nach William Shakespeares letztem Theaterstück „The Tempest“ eröffnet. Der Abend in der Ausweichspielstätte Bâtiment des Forces Motrices richtet sich mehr an Opernliebhaber als an ein breites Publikum. Musikalisch delikat musiziert und gesungen, bleibt die einzige Oper des Genfer Komponisten in der szenischen Umsetzung durch die britische Regisseurin und Ausstatterin Netia Jones seltsam kühl und unsinnlich. Dem „Zauber-Lustspiel“ (Comédie-féerie) fehlen bei der Premiere Leichtigkeit, Witz und Poesie. Ein mühsamer Auftakt der mit „Nouveaux mondes“ („Neue Welten“) überschriebenen Spielzeit.
Ursprünglich hatte Frank Martin die im Juni 1956 an der Wiener Staatsoper uraufgeführte Oper unter dem Titel „Der Sturm“ auf Deutsch komponiert. In Genf spielt man die französische Version von Martins Schwester Pauline, die am 11. April 1967 an gleicher Stätte erstmals zu hören war. Für das Bühnenbild hat sich Netia Jones vom Bâtiment des Forces Motrices inspirieren lassen – einem früheren Wasserkraftwerk. Deshalb befinden sich auf Prosperos Insel Stahlkugeln, Fässer, Gerüste und Hochspannungsleitungen. Die Zauberinsel ist in Genf ein kühles Laboratorium. Statt eines Zaubermantels trägt Stéphane Degout als Prospero einen weißen Kittel. In seinen wissenschaftlichen Versuchen erzeugt er Blitze und Stürme – und steuert den Luftgeist Ariel (Joseph Chosson), der nur digital zu sehen ist (Videos: Lightmap), mit einem Regler. Diese Idee hat noch einen gewissen Charme, weil Ariel immer ein wenig anders erscheint. Aber die Bühne bietet trotz der auf die gebogene Rückwand projizierten Videos keine Variationsmöglichkeiten. Ständig setzt Jones die Drehbühne in Gang – szenisch ein einziger Leerlauf. Diese Insel birgt kein Geheimnis.
Zauber gibt es nur musikalisch zu erleben, wenn zu Beginn das Orchestre de la Suisse Romande einen gedämpften, seidigen Streicherklang erzeugt und impressionistische Farben entstehen lässt. Auch im Unwetter mit Windmaschine und Donnerblech bleibt der Klangkörper unter der Leitung des Martin-Spezialisten Thierry Fischer gut ausbalanciert. Die vielen Colla-Parte-Passagen von Oboe, Englischhorn oder Klarinette mit der Solostimme werden deckungsgleich musiziert. In Genf findet Fischer auch für die jazzartigen Passagen, die den schiffbrüchigen Hofstaat um König Alonso charakterisieren, den richtigen Groove und lässt das Orchester für die derberen Töne, wenn sich Caliban (mit Tattoos und Tiefe: Alex Rosen) mit Stephano (Christophe Gay) und Trinculo (schön prollig: François Rougier) volllaufen lassen, effektvoll rumpeln. Schade nur, dass man das Bühnenorchester (Leitung: Arnaud Arbet) und den Chor (Leitung: Mark Biggins) einzig über die Lautsprecher hört, als wären die Klänge vorher produziert worden.
Stéphane Degout singt die Partie des Prospero mit kantablen Linien und leuchtenden Farben. Die Kehrseite dieses von seinem Bruder Antonio Verbannten, der mit strenger Hand über seine Tochter Miranda (mit schlackenlosem Sopran: Catherine Trottmann) wacht und den Sklaven Caliban peinigt, bleibt in seiner Rollenzeichnung aber verborgen. Mit Christian Immler als charismatischer Gonzalo, Julien Dran als über viel lyrischen Schmelz verfügenden Liebhaber Ferdinand und Léo Vermot-Desroches als höhensicherer Intrigant Antonio sind auch die weiteren Hauptpartien ausgezeichnet besetzt. Nur Nicolas Cavallier als König Alonso und Edwin Crossley-Mercer als dessen Bruder Sebastian bleiben blass. Für das Happy End rollt Prospero eine Kabeltrommel auf und setzt mit zwei Kabelklemmen das Personal unter Strom. Wieder einmal setzt sich die Drehbühne in Bewegung, und alle zappeln eher unmotiviert im kollektiven Elektroschock. Zumindest am Ende gelingt Netia Jones noch ein stärkeres Bild, wenn zum Epilog von Prospero, mit dem sich Shakespeare von der Theaterbühne verabschiedete, von der Bühne nur noch Schatten zu sehen sind und zu Frank Martins Akkordrückungen der Zuschauerraum beleuchtet wird. Prosperos Magie ist vorbei. Der Applaus soll ihn erlösen – und eine neue Welt entstehen.
Erschienen am 22.9.2026



















