Theater der Zeit

Auftritt

Theater Bielefeld: Derb, deftig, Dänemark

„Hamlet“ von William Shakespeare, aus dem Englischen von Marius von Mayenburg – Regie Dariusch Yazdkhasti, Bühne Julia Hattstein, Kostüme Rahwa Oreyon, Video Konrad Kästner

von Stefan Keim

Assoziationen: Theaterkritiken Nordrhein-Westfalen Dariusch Yazdkhasti Theater Bielefeld

Nicole Lippold als weiblicher Hamlet in Bielefeld / Ensemble in Spiellaune - Hamlet in Bielefeld
Nicole Lippold als weiblicher Hamlet in Bielefeld / Ensemble in Spiellaune - Hamlet in BielefeldFoto: © Joseph Ruben Heicks // jr@josephruben.com

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Ein Teil des Publikums sitzt auf einem Podium auf der Bühne. Das Ensemble spielt nach zwei Seiten. Wie zu Zeiten Shakespeares sind keine bedeutenden Bühnenbauten möglich. Schon das Raumkonzept des Bielefelder „Hamlet“ legt den Fokus auf das Spiel des Ensembles. Und das legt los, mit Schwertkampf, fliegenden Rollenwechseln, Schwitzen und Theaterblut. Zur Freude der Besucher:innen, am Ende jubelt Bielefeld lange im Stehen.

Hamlet ist eine Frau. Das hat von Asta Nielsen im Stummfilm Anfang der 1920er Jahre bis zu Sandra Hüller in Johan Simons’ Bochumer Inszenierung Tradition. Nicole Lippold spielt eine lebensdurstige Prinzessin, die vom Mord an ihrem Vater zutiefst erschüttert ist. Die Szenen mit ihren Freunden Rosenkranz (Alexander Stürmer) und Güldenstern (Faris Yüzbaşıoğlu) bekommen viel Raum, wobei die beiden Schauspieler auch noch Horatio und Laertes verkörpern.

Thomas Wolff ist als Claudius ein pragmatisch-charismatischer Machtmensch. Wenn er sich das Hemd auszieht, werden Wunden sichtbar, dann verkörpert er den Geist von Hamlets Vater. Die kurzfristig eingesprungene Christina Huckle gibt Königin Gertrud überzeugende Momente der Verzweiflung, während Anouk Piwek als Ophelia soapartig überdreht und Thomas Wehling den Polonius als schrägen Sonderling mit Hang zur Blockflöte zeigt.

Shakespeare als Schauspieler:innenfutter – packend erzählt Regisseur Dariusch Yazdkhasti die Geschichte auf eine direkt zugängliche Weise. Dazu passt Marius von Mayenburgs derb-direkte Übersetzung, die eine effektvolle Gegenwartssprache über poetischen Feinsinn stellt. „Hamlet“ ist in Bielefeld Weltliteratur und Volkstheater. Man braucht keine prophetische Gabe, um vorherzusagen, dass die Aufführung ein Publikumsrenner werden wird.

Die Videos von Konrad Kästner sind die Kommentarebene. Dreimal fahren Projektionsflächen von der Decke herab, die ein bisschen an flatterige Brecht-Gardinen erinnern. Der Abend beginnt mit einer Collage von Leni Riefenstahls „Olympia“-Filmen und Hollywoodbildern – pathetisches Gefühlskino zu Musik aus Richard Wagners „Götterdämmerung“. Wenn Hamlet sich zum Kämpfen entscheidet, gibt es eine Zusammenstellung von Actionheldinnen, von Ripley aus den „Alien“-Filmen über „Thelma und Louise“ bis zu Milla Jovovich in der „Resident Evil“-Reihe. Nach der Pause kommt nach dem Mord an Polonius sein Sohn Laertes zurück, Aufruhr droht in Dänemark, und die Videos zeigen Bilder von gewalttätigen Demonstrationen.

Das alles öffnet Assoziationsspielräume, ohne Aussagen oder Anregungen zu fokussieren. Der Bielefelder „Hamlet“ ist nicht für reisende Kritiker:innen gemacht, die nach neuen Interpretationsansätzen suchen, um sie vergleichend zu diskutieren. Es ist eine Vorstellung, wie sie das Publikum liebt, unterhaltsam trotz drei Stunden Länge, mit Action, viel schwarzem Humor und ein bisschen Gefühl.

Nicole Lippold als weiblicher Hamlet in Bielefeld / Ensemble in Spiellaune - Hamlet in BielefeldFoto: © Joseph Ruben Heicks // jr@josephruben.com

Wahrscheinlich werden wir vor allem in kleineren und mittleren Theatern jetzt mehr solcher Aufführungen sehen, auch weil die Bühnen gezwungen sind, in Zeiten knapper Kassen verstärkt auf ihre Auslastung zu achten. Das ist aber gar nicht schlimm. Zumindest mir macht es sehr viel Freude, mal wieder einen „Hamlet“ ohne anspruchsvollen intellektuellen Überbau zu sehen.

Erschienen am 14.9.2026

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