Auftritt
Theater Willy Praml Frankfurt: Handkes Ichs im Unterholz
„Selbstbezichtigung. Handke“ von Michael Weber nach einem Sprechstück von Peter Handke – Regie, Textfassung und Bühne Michael Weber, Kostüme Paula Kern, Lichtdesign Simon Möllendorf
Assoziationen: Theaterkritiken Hessen Michael Weber Theater Willy Praml

Der Abend beginnt mit einem geradezu apokalyptischen Bild. Die zehn Jahre alte Elin Staab hockt zwischen allerlei Totholz und hält einen quietschgelben Vogel in der Hand, der nur noch elektronisch piepst. Das Mädchen wirkt dabei wie Alice im Wunderland, aber ohne Lust auf weitere Abenteuer. „Selbstbezichtigung“ nannte Peter Handke sein Sprechstück aus dem Jahr 1966. Michael Weber bringt es jetzt fürs Theater Willy Praml in der Naxoshalle zur Aufführung. Und wie so oft ist auch diesmal die Bühnensituation eine besondere: Das Publikum nimmt an zwei Längsseiten eines langen Laufstegs Platz, der wie ein Waldweg gestaltet ist. Blätter, Wurzelwerk, wenig Grün. Irgendwie trostlos. An der rechten Seite begrenzt ein Vorhang die Szenerie, aus dem die Figuren ins Spiel des Lebens purzeln. Am linken Rand führt eine Tür ins Nirgendwo, das durchaus das Jenseits sein könnte. Peter Handke sprach einmal von der Möglichkeit, dieses Stück nur mit einem Schauspieler, ohne Lautsprecher und rhythmische Formalisierung spielen zu lassen. Michael Weber geht einen anderen Weg, verteilt die Handke-Sätze auf sechs Menschen und gibt ihnen dadurch mannigfaltiges Gewicht. Wie bei der „Publikumsbeschimpfung“ führt auch der Titel dieses Stücks in die Irre. Was tönt wie eine Beichte, gleicht einem allzu menschlichen Bekenntnis. „Ich bin auf die Welt gekommen. Ich bin geworden. Ich bin gezeugt worden. Ich bin entstanden. Ich bin gewachsen. Ich bin geboren worden. Ich bin in das Geburtenregister eingetragen worden. Ich bin älter geworden.“ Diese Sätze fallen an diesem Abend aus verschiedenen Mündern. Selbstvergewisserungen. Auf ebenso unterschiedliche Art betreten die Figuren den Waldweg. Manche stolzieren hier tatsächlich wie auf einem Laufsteg entlang, allen voran Eleonora Gobena Wolf im betörend blauen Glitzerrock und mit Divenmiene im Gesicht. Ein Fabelwesen. Andere rennen, robben, tänzeln, schreiten am Publikum vorbei. Eine Parade der Menschlichkeit. Dabei treten die Spielenden immer wieder ganz nah an einen heran, halten Augenkontakt.
Die Länge des schmalen Spielstreifens führt zwar dazu, dass man sich den Hals blöd verrenken muss, um alles zu sehen, aber die extreme Distanzlosigkeit, die er erzeugt, macht das allemal wett. Muawia Harb gibt dem Text einen ganz eigenen Akzent und stattet ihn mit prägnanter Körperlichkeit aus, Birgit Heuser wirkt stoisch verhetzt und wie nicht von dieser Welt, während Anna Staab ihrer Verwunderung mimisch und sprachlich Ausdruck verleiht. Am tollsten findet Jakob Gail hinein in die Wortkaskaden Handkes. Immer meint man, er spreche hier nicht nur Text, sondern forme seinen Körper aus den Worten. In einer Szene marschiert er den Weg entlang, als müsse er wie der Hauptmann von Köpenick in eine neue Rolle finden. Star des Abends bleibt das Mädchen Elin Staab, das gegen Ende vor einige der Zuschauenden tritt und ihnen die Hand auflegt, was so einigen Tränen der Rührung in die Augen treibt. Dasselbe gilt für ihre innige Umarmung mit der eigenen Mutter an anderer Stelle. Wenn das Kind von unser aller Erbsünde spricht, bekommen Handkes Worte ein schwereres Gewicht. Die Komik der Widersprüche vorzuführen sei eine der Absichten des Stücks, schreibt Handke. Wenn Jakob Gail das Wörtchen „zu“ in vielfältigen Variationen auf der Zunge turnen lässt, ist das eine helle Freude, zwingt einen zum Lachen.
An anderer Stelle des in schlanken 90 Minuten abschnurrenden Abends hält er Zwiesprache mit einer Pinocchio-Holzpuppe. Das Programmheft verweist in diesem Zusammenhang auf Kleists Aufsatz „Über das Marionettentheater“, in dem es auch um die Natürlichkeit des Spiels geht, die Kinder wie Elin Staab aufgrund ihres Alters lässig vollbringen. Die Äpfel, die alle in sich hineinstopfen, zeugen wiederum vom menschlichen Sündenfall. Damit fängt alles an. Unsere Geburt ist lediglich der Beginn der eigenen Verfehlungen. Vom „In-die-Welt-geworfen-Sein“ erzählt der Abend en passant, die mickrigen Bäumchen scheinen auf Becketts absurde Existenzen zu verweisen. Dazwischen konkretisiert sich Handkes Text zwar nicht, aber er materialisiert sich, wird körperlich und wird, auf diese Weise, wieder hörens- und sehenswert.
Erschienen am 3.9.2026




















