Kolumne
TdZ+Wir gehen rein
Mottomonat
von Lina Wölfel
Erschienen in: Theater der Zeit 10/2026: Neues Musiktheater – Krise, Kanonkritik und Zukunft (09/2026)

Die neue Spielzeit beginnt, wie Spielzeiten beginnen müssen: mit einem Wort oder einem Satzfragment, groß genug, um über der Stadt zu thronen, offen genug, um jede Premiere darunter zu verwursteln. Ich rede vom Horoskop der Theaterlandschaft oder auch: dem Spielzeitmotto.
Es gibt Mottos, die klingen wie die letzten Worte einer sterbenden Partei: „Kultur bewegt – gemeinsam bewegen wir mehr“ (Theater Düren). Es gibt Mottos, die klingen wie die Überschrift eines Förderantrags: „Alles ist wirklicher, wenn man zusammen ist“ (Münchner Kammerspiele). Und es gibt Mottos, die so lange zwischen Visionspapier, Moderationskarten und einer Atemübung lagen, bis sie als sanfter Evakuierungsaufruf wiederkamen: „Zusammen ins Offene“ (Theater Trier). Wir gehen rein.
Da sind zum Beispiel die „Wir-Gesänge“ in Leipzig. Hat ein schlichtes „Könnt ihr euch bitte alle kurz vertragen?“ nicht aufs Banner gepasst? Wir – das öffnet Fragen nach Zugehörigkeiten, Konflikten, Sehnsüchten und Widersprüchen. Das ist klug, das ist das, was uns abhandengekommen ist, bei all der Spaltung, in all der Aufteilung in Lager, ein Wir. Und: wo ein Bindestrich steht, ist ein Diskurs für gewöhnlich nicht weit. Zur Eröffnung gibt’s mit „Das Vermächtnis“ gleich sieben Stunden Gegenwartsgesang: genug Zeit also, um aus einer Gemeinschaft erst eine Schicksalsgemeinschaft und...
















